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Schwarzer Adler auf weißem Wolkengrund

Dennis Tracht 25.04.17 BINNEN AUSLAND

Besser jetzt durch Ermland und Masuren als später

von Bernd Genath

Dass Ostpreußen Nachdenker wie den Philosophen Immanuel Kant, den Dichterphilosophen Gottfried Herder und den Sternengucker Nikolaus Kopernikus einfach hervorbringen musste, wird einem beim Bootwandern durch die verträumte Einsamkeit klar. Stille, Klarheit und Schönheit inspirieren einfach zum Sinnieren. Die Einsamkeit könnte langsam zur Neige gehen, die Schönheit wird bleiben.
Sie steht in der Spätsommerwärme der ostpreußischen Sonne am weiß getünchten Eisengeländer. Eine Hand liegt auf dem Querholm der Brüstung, die den Bürgersteig von der Wegorpa trennt. Sie schaut hinunter in das Flüsschen. Zwei Meter tiefer zwängt es sich munter quirlend durch ein Moos bewachsenes Schütz in den Wegorzewski-Kanal. 


Der Blick der grau-blonden Seniorin wandert nachdenklich weiter, hinüber zu den historischen Fischerhütten auf der anderen Seite der schmalen schiffbaren Einfahrt. Die führt aus dem Mauersee, dem nördlichen Masurischen See, zu ihrem Aufenthaltsort: die ehemalige deutsche Stadt Angerburg. Sie betrachtet die Boote und Yachten am Ufer und wendet sich dann dem Spaziergänger in ihrer unmittelbaren Nähe zu. An untrüglichen Zeichen hat sie den Landsmann erkannt.
„Sie kommen ja wohl auch aus Deutschland. War das hier Ihre Heimat oder die Ihrer Eltern?“
„Heimat nicht. Wir stammen aus Berlin. Meine Mutter wurde gegen Kriegsende mit mir im Bauch und mit meinen Schwestern hierhin evakuiert. Als die Bomben auf Berlin fielen. Ich kam hier zur Welt. Danach musste sie aber gleich mit auf den großen Treck und gen Westen ziehen, bis ins Sauerland. Dort lebte eine Tante.“
„Wir hatten hier gewohnt. Dort drüben. Ich glaube in dem mittleren Haus. Es hat sich einiges an der Bebauung verändert. Es war ja viel zerstört. Hier unten im Bach hatten wir Mühlräder gebastelt. Ich sehe sie noch genau vor Augen, dort, wo sie standen und sich drehten.“
„Und wohin sind Sie geflüchtet?“
„Nach Waren am Müritzsee. Mein Vater sagte, dort sei es nicht viel anders als hier in Masuren. Das stimmt auch. Offensichtlich brauchte er die Landschaft.“
„Ich bin zum ersten Mal wieder in Ostpreußen. Wir haben für eine Woche ein Boot gemietet. Die Anreise ist ja etwas umständlich, mit dem Flieger bis Warschau, dann mit dem Taxi…Wie sind Sie her gekommen?“
„Mit einem sehr ordentlichen Reisebus. Von Berlin aus. Busreisen nach Masuren bietet ja mittlerweile fast jedes Reisebüro an. Ich bin 77 Jahre alt, die Fahrt war aber überhaupt keine Strapaze. Morgen geht es weiter, nach Allenstein.“ 


Am grünen Strand


Die aktuellen Ostpreußengäste teilen sich im Prinzip in diese beiden Lager: entdeckungsfreudige Wassertouristen und Zeitreisende. Das Ehepaar wenig später im Restaurant, dem zweiten Lager zugehörig, spricht von „Verwandtenbesuch. Auf zwei Friedhöfen“. Die an Land sind folglich mindestens eine, mehrheitlich jedoch zwei Generationen älter als die auf dem Wasser. Insofern brechen keine lärmenden Cliquen in Stadt und Forst ein, sondern eine erste, sehr stille Gemeinde und eine zweite, weitgehend stille Gemeinde erschließen sich Vergangenheit und Gegenwart.Es mag auch noch eine dritte Gruppe geben, alte und junge Dumpfbacken, die in der Wolfsschanze eine Gedenkstätte sehen, zu der man mindestens einmal in seinem braunen Leben gewallfahrt sein muss. (Die christlichen Wallfahrer mögen bitte den Missbrauch der Bezeichnung ihrer Prozession verzeihen.) Deshalb mieden wir das Bunkerareal unweit des grünen Strands der Masuren, um nicht ungewollt dieser unteren Kaste zugeordnet zu werden. Wir hatten das Kontrastprogramm gebucht: Schlossruine Lehndorff auf der Halbinsel Sztynort (Steinort). Heinrich Ahasverus Graf von Lehndorff-Steinort gilt als einer der Vorbereiter der Verschwörung gegen Adolf Hitler. Er musste dafür mit seiner Hinrichtung in Berlin-Plötzensee büßen. Die Polnisch-Deutsche Stiftung Kultur¬pflege und Denkmalschutz investiert gerade ca. 6 Mio. Euro in den Erhalt des ehedem stattlichen Gutshauses, um Lehndorffs Heimstatt als kulturelles Erbe, gesellschaftlich und architektonisch gesehen, verdiente Bedeutung zu geben. Den Zweiten Weltkrieg hatten die Gebäude fast unbeschadet überstanden, litten aber in den Jahren danach. Die Einrichtung verschwand, die Immobilie verfiel und schließlich musste man wegen Einsturzgefahr alle Zugänge versperren.Am Ende der Eiszeit geborenDie Gletscher der Eiszeit schoben gewaltige Mengen an Geröll und Erde mit sich. Als vor etwa 12.000 Jahren in Nordeuropa die Weichsel-Kaltzeit endete, lagerte sich das lose Gestein am Rand der gefrorenen Wassermassen als sanfte Hügelkette ab. Das mit Sand angereicherte Schmelzwasser der Gletscher schliff die Kappen der Endmoräne ab und sammelte sich in Vertiefungen. So entstand eines der schönsten Gebiete Polens, „die verträumte Bilderbuchlandschaft der Masuren mit goldgelb leuchtenden Feldern und kristallenen Seen unter blauem Himmel“, schwärmt der gedruckte Stadtführer von Mikolajki. Die Statistik spricht von 3.000 Seen. Sie meint damit nicht jeden Tümpel, sie zählt nur die Wasserflächen, auf die es sich lohnt, mindestens ein Ruderboot zu setzen.


Nebenbei, das polnische Mikolajki hieß zu deutscher Zeit Nikolaiken. Wenn in diesem Reisebericht deutsche und polnische Bezeichnung durcheinander gehen, hat das ausschließlich etwas mit dem besseren Verständnis zu tun. Die aufeinander folgenden Konsonanten der polnischen Sprache erschweren Ungeübten einfach das Schreiben, Lesen und Sprechen.


Eine exakte Grenze um das Kleinod Masuren ziehen die Geografen nicht. Natürlich hat die Politik den Verlauf der Umfassungslinie der Woiwodschaft Ermland-Masuren mit der Hauptstadt Olsztyn (Allenstein) exakt definiert. Doch das Kulturland Masuren dürfte weit über diese Grenzen hinausreichen. Die Seenplatte gliedert sich grob gesehen in die Großen Masurischen Seen im Osten und das Weichselgebiet um Danzig und Elblag (Elbing) plus dem Oberländischen Kanal im Westen. Eingebettet zwischen diesen beiden Regionen verstreute die Eiszeit -zig tausend weitere Seen, Teiche und Tümpel, teilweise vernetzt, freilich nur mit dem Kanu erschließbar. Selbstverständlich halten die örtlichen Anbieter auch diese Boote feil. Für Yachten fehlt leider eine Verbindung von West nach Ost. 


Schiffe auf Schienen


Aber selbstverständlich reicht alleine die Länge der Wasserstraßen in den einzelnen erschlossenen Gebieten für einen kürzeren oder längeren Rundtörn aus. Die Woiwodschaft Ermland-Masuren, eine der sechzehn polnischen Regierungsbezirke, hat die Wege für den Bootsurlaub an- und verlockend hergerichtet. Nebst Überraschungen. Drüben in den Westmasuren etwa, unweit des Frischen Haffs, fahren Schiffe auf Schienen. 


Und zwar deshalb: Der Oberländische Kanal oder auch Osterode-Elbing-Kanal, bleiben wir mal bei den deutschen Bezeichnungen, muss auf einer Länge von 81 Kilometern eine Höhe von 100 Metern überbrücken. Logistisch wollte das alte Preußen als Bauherr diese Tiefbauarbeit, um das ostpreußische Oberland – daher der Name Oberländischer Kanal – mit seinem reichen Holzvorkommen über eine relativ kurze Schiffsroute an das Frische Haff und damit an die Ostseeküste anzubinden. Der vormalige Weg führte über verschiedene Flüsse und Kanäle und schließlich über die Weichsel zum Zielort. Nur dauerte der Transport in der Regel sechs Monate. Das machte ihn wenig rentabel.
Nun hätte man die 100 Meter Höhenunterschied mit Kammerschleusen überbrücken können. Der Bau von mindestens 30 derartigen Hebewerken wäre jedoch erheblich ins Geld gegangen. Mit schiefen Ebenen ließ sich das vermeiden: Speziell gebaute Schiffe bis 60 Tonnen überwinden zu Land auf Schienen die terrestrische Unebenheit – eine einzigartige, gigantische Slipanlage. Diese preiswertere Lösung empfahl sich nach einer Besichtigungsreise in die USA. Ingenieur Georg Steenke inspizierte dort die hydromechanischen Anlagen am Morriskanal bei New Jersey und kopierte bei Elbing die begutachtete Schienenlösung plus Seilbahn: 
Indem er fünf schiefe Ebenen, je rund zwei Kilometer lang (!) mit im Mittel jeweils 20 m Hub, als Rollbahnen für die Frachter-Loren berechnete. Die Schiffer, die beim Transport mit Hand anlegen mussten, durften sich im anschließenden Kanalabschnitt kurz erholen, bis die nächste Kletterpartie anstand. Der Bau der Strecke dauerte gut 15 Jahre, von 1844 bis 1860. Nach Inbetriebnahme des Aufzugs im Jahre 1860 passierten täglich etwa 12 bis 20 „Norm“-Frachter das Hebewerk. Steenke notierte 1862 gar in seinem Tagebuch: „An diesem Tag waren es 57 Schiffe.“

 
Keine Bootsführerschein-Pflicht


Als 30 Jahre später eine Eisenbahnlinie zwischen dem Oberland und Danzig sich aufmachte, in Konkurrenz zum Kanal zu treten, ging zwar die Auslastung allmählich zurück, erhielt aber mit dem Aufkommen organisierter professioneller Touristik zur damaligen Jahrhundertwende und konkret ab 1912  mit der Indienststellung von angepassten Ausflugschiffen neuen Auftrieb. 
Und diese Bötchen rollen heute, 100 Jahre später, nach wie vor fahrplanmäßig zu Berg und zu Tal. Mittlerweile dürften es rund 40.000 Passagiere sein, die sich an einer der winzigen Verladestationen des geschützten technischen Denkmals jährlich anstellen. 
Leider muss sich der Charterer mangels einer Durchfahrt, wie vorhin erwähnt, für eine der beiden Regionen – Westmasuren (Elblag-Weichelsgebiet mit Oberländischem Kanal) oder Ostmasuren (Große Masurische Seen) ¬– entscheiden. An Angeboten mangelt es nicht. Eine Vielzahl von Dienstleistern laden zu Hausboot-, Motorboot- oder Segelyachtcharter ein. Bootsführerscheine kennt Polen nicht. Deshalb ist auch der nicht so ganz erfahrene Skipper willkommen. Da es in den Charterrevieren keine Berufsschifffahrt gibt, erwarten ihn keine kritischen Situationen. Ohnehin fährt hier niemand Express. „Bummelverkehr“ beschreibt die Bewegung auf dem Wasser am nächsten. Das gilt für die Haus- und Motorboote. Die Segelyacht-Eigner und -Charterer treiben es selbstredend sportlich. 
Auf der „boot“ in Düsseldorf hatte uns Lanke Charter, Rheinsberg, ein gutes Angebot gemacht. Eine 38-er „Nautiner“ für etwa 1.700 Euro/Woche. Diesen Motorboottyp baut Nautiner Yachts Sp. in Gizycko, einem der Zentren der Masurischen Seenplatte und Basis der Charter-Gesellschaft. Die Stadt mit dem früheren deutschen Namen Lötzen, „eine Perle in der Landschaft glitzernder Seen und grüner Wälder“ (Prospekt), liegt auf einem schmalen Landstreifen zwischen dem Löwentinsee (Niegocin) und Kissainsee (Kisajno). Die ausgedehnten Wasserflächen von Niegocin und Kisajno mit ihrer Unmenge an Inselflecken, mit Naturschutz allüberall, präsentieren sich als wahrhaftiges Eldorado für den Wassersport. 


Im kurzen Eldorado


Das Prädikat „Eldorado“ bestätigt bei der Ausfahrt aus dem Gizyckoer Stadtkanal der orientierende Blick über den flachen, im Sonnenglanz funkelnden Wellenschlag. Obwohl schon relativ spät im Jahr, es ist die erste Septemberwoche des Jahres 2013, reihten sich unter dem klaren Firmament Segel für Segel, Hunderte von Yachten. In einem Monat, wo deutsche Eigner bereits an das Winterlager denken, hat der Wassersport in Polen Hochkonjunktur. Das hat natürlich etwas mit den Semesterferien zu tun. 
Das hat aber auch etwas mit dem Klima zu tun. Das ist kontinental geprägt, unterliegt nicht dem Einfluss des relativ warmen Atlantiks. Was nichts anderes bedeutet als im Winter viel Eis, Schnee und tiefste Kälte. Die Seen frieren dick zu. Erst irgendwann im Mai tauen sie auf. Und schon ab Ende September/Anfang Oktober stehen wieder Nebel, feuchte Kälte, Stürme und Regenfälle an. Gegenüber Deutschland verkürzt sich die Saison um mindestens sechs Wochen, mindestens…
Die gesichteten weißen Segel weit draußen vor dem Bug engen nicht den Raum ein. Das Binnenmeer dehnt sich unendlich. Den schwachen milchigen Streifen am fernen Horizont erahnt man gerade mal als gegenüberliegendes Ufer. Die erste Septemberwoche erweist sich tatsächlich als ideale Reisezeit. Umschmeichelnde Sonne, fast keine Moskitos, Wasser mit Badetemperatur, selbstverständlich überall bis in die Nacht hinein geöffnete Restaurants, weil in der kurzen Saison alles Geld verdient werden muss. Das erste Laub leuchtete vorherbstlich goldgelb und die ebenso ersten, noch schüchternen Böen um Beaufort 6 oder 7, die heftigere Äquinoktialstürme ankündigen – jene um Ende September/Anfang Oktober zur Tagundnachtgleiche – lassen sich auf der „Nautiner“ gut abwettern. 


Das raue Wasser des Spirdingsees


Gelbes Blinklicht auf Masten über den Bäumen an Land hatte vor Unwetter gewarnt. In erster Linie meint es jedoch die Segler. Damit sie rechtzeitig zur Heimfahrt aufkreuzen. Die mit Studentinnen und Studenten häufig überquellenden 28- und 30-Füßer dürften unter Umständen tatsächlich ein Problem bekommen. Zugegeben, auf dem Spirdingsee, mit 115 Quadratkilometer der größte der Masuren – zum Vergleich, der Chiemsee beschränkt sich auf 80 Quadratkilometer –, ging es bei seitlichem Wellengang auf unserem 38-Füßer ebenfalls etwas holprig zu. Die „Nautiner“ steckte indes den Seegang gelassen weg. Nur einige Weingläser kamen damit nicht zurecht. 

Aber noch mal der Reihe nach. Start in Gizycko: Karolina, die hübsche Vertreterin von Lanke Charter, hat das Boot fahrbereit vorbereitet, der große Berliner Baumeister Karl-Friedrich Schinkel die örtliche Evangelische Kirche entworfen, der Missionar Bruno von Querfurt um das Jahr 1000 herum den Märtyertod gefunden und der preußische Kriegsministers Hermann von Boyen die Festung Boyen am Rande der Stadt in Auftrag gegeben. Die hielt sogar der Belagerung der russischen Armee 1914 statt. 
Die Einfahrt in den Löwentinsee gibt eine historische eiserne Drehbrücke frei. Dieses technische Meisterwerk aus dem Jahre 1898, von dessen Art laut Informationstafel nur noch zwei in Europa existieren sollen, betätigt der Brückenwärter nach wie vor von Hand. Na ja, nach wie vor stimmt nicht ganz. In den 60er- und 70er-Jahren hatte die Stadtverwaltung einen elektrischen Antrieb installieren lassen. Aber mit dem punktgenauen Abbremsen funktionierte es nicht so richtig. Jedenfalls beschädigte die Automatik die Kaimauer und man rüstete wieder auf Handbetrieb zurück. Die bei Öffnungen interessiert zuschauenden Besucher danken es der Verwaltung.


Im Reich der Sumpfschildkröte


Bezaubernde, fesselnde, schöne Masuren – die leise Schönheit einer stillen weiten See, wiegender Schilfgärten, freundlich plättschernder Wellen und duftender Waldsäume. Natur und Elemente, die Friedlichkeit ausstrahlen. Dem Wasserwanderer begegnen Fischotter und Biber – oder auch nur einer von beiden, der Unterschied zeigt sich nicht so deutlich –, Höckerschwan und Weißstorch streichen vorbei, schwärzliche Seeadler zeichnen sich auf weißem Wolkengrund ab. Auf den, eingestanden, sehr gerafften Spaziergängen durch die waldreiche Uferzone lauern hoffentlich nicht hinter Blaubeersträuchen niederkauernd Wolf und Luchs. Soll sagen, eine vielfältige Fauna prägt die Region: von der Sumpfschildkröte in den Sümpfen und Mooren angefangen über die beiden genannten Raubtiere bis hin zu Elch, Mufflon und Wisent. Das Mittlere stammt aus der Familie der Hornträger und der Gattung der Schafe, mit der Ähnlichkeit eines Steinbocks. 
Im Kieferndickicht verstecken sich ebenfalls so exotische Säuger wie Marderhund und amerikanischer Nerz (der aus dem Film „Gorkipark“). Deshalb stehen die Reservate links und rechts des Wegesrands in der Unesco-Liste der besonders schützenswerten Landschaften. Organisierte Trecks mit solch prosaischen Namen wie „Route des Höckerschwans“ oder „Pfad der wilden Tiere“ gestatten zwar das Eindringen in den Urwald. Um das Federvieh und die Zoologie zu bestaunen, bedarf es jedoch nicht unbedingt eines Stopps an einem Holzsteg. See- und Fischadler, Rotmilane, Höhlentaube, Kolbenenten und  Zwergtaucher kreisen, flattern oder schwimmen regelmäßig im Sichtfeld der Yacht. 
Seele und Auge genießen die Fahrt. Wir trödeln durch Löwentinsee, Kröstensee, Rheinscher See nebst ihren Verbindungsgewässern nach Ryn. Die „Nautiner 38“ ist im wahren Sinne des Wortes umsichtig gezeichnet, mit großen Fenstern und einem relativ hochgezogen Innenboden, sodass die in der Kabine nicht im Keller sitzen, sondern ihnen aus einer Loggia heraus die Aussicht bleibt. Trotzdem ein sehr schiffiges Layout. Plus ein Bugstrahlruder, das kleinste Anliegerecken zugänglich macht. 


Schwimmende Infrastruktur


Die Polster auf dem Vordeck würden zum schläfrigen Träumen verführen, wenn einen nicht Vielfalt und Ungewöhnlichkeiten in den Bann zögen. Mitten auf dem winzigen Schmidtsdorfer See etwa, auf der Etappe gen Ryn, ankert ein WC mit Café. Die Wichtigkeit des Cafés sei hier nicht diskutiert. Die des WCs leuchtet ein: Die Mehrheit der Segelyachten dürfte weitläufig unter dem Typ Jollenkreuzer rangieren, mit Schwert- oder Hubkiel, Schlupfkajüte, via Jüt legbarem Mast und sehr geräumiger Plicht, also speziell als Daycruiser für diese Gewässer und für die Zielgruppe der bis Dreißigjährigen designt. 
Der Komfort einer Nord- oder Ostsee-Fahrtenyacht verbirgt sich nicht unter dem vorherrschenden GFK. Portapotti oder gar Pump-WC dürften die Ausnahme sein. Folglich muss es dazu eine Alternative geben, die entweder in den Restaurants oder Cafés am Anleger besteht oder aber in schwimmenden Sanitäranlagen, in schwimmender Infrastruktur. Natürlich tragen auch solche Extravaganzen zur Einmaligkeit des Reviers bei.
Im Naturgelände „Zanzibar“ in Port Skorupki, das sich wegen seines unscheinbaren Sandstrands mit dem halbautonomen ostafrikanischen Inselstaat vor Tansania vergleicht, höhlt einer der Eingeborenen Baumstämme aus, schneidet in die Hülle Motive hinein und zündet Feuer in den perforierten Holzöfen an. Einmal in der Woche glüht beeindruckend das derart drapierte Ufer. Im Rittersaal der ehemaligen Burg des Deutschen Ritterordens aus dem 14. Jahrhundert in Ryn, mittlerweile zu Hotel und Restaurant umgebaut, tafelt man unter einer prächtig gemalten Heraldik als Wand- und Deckenfresken. Wer die Hafendörfer verlässt, läuft durch Naturarkaden: durch Alleen, deren mächtige Bäume ein unglaublich dichtes Blätterdach über die Straße spannen. 
Heraldik und Blätterdach sind sichtbar real. Die Affaire oder die Frage, ob auf dem Geheimdienstareal von Stare Kiejkuty bei Ortelsburg noch bis vor kurzem tatsächlich ein geheimes CIA-Gefängnis versteckt war, behandelt der jüngst und eigens konstituierte polnische Untersuchungsausschuss dagegen sehr zögerlich. Die Einrichtung dürfte vermutlich real gewesen sein. Man kann es nur wiederholen: Das masurische Ostpreußen hält eine schöne Überraschung nach der anderen bereit – „schön“ mehrheitlich im Sinn von anmutig, ansprechend, hübsch, nur in Ausnahmen ironisch gemeint.


Bei den Lehndorffs und Dönhoffs



Die „Nautiner“ verlässt die dämmrige Unsichtigkeit des umwaldelten Durchstichs vom Dargainsee zu dem versteckten Weiher in der Halbinsel Steinort. Der schmale, mit mannshohem Schilf und Birkenbäumen regelrecht getarnte Kanal schottet Weiher und Schloss eher von der Seenplatte ab, als er die Latifundia vom Wasser aus zugänglich macht. Dann Atemlosigkeit. Als habe der Gallerist gerade vor gespanntem Publikum mit schwungvoller Geste das Tuch von einem neuen Gemälde fort gezogen, breitet sich Steinort in der plötzlichen Helligkeit vor der Yacht aus. Der Künstler hat Romantik pur gepinselt. 
Rote Dächer, die des Schlosses Lehndorff, leuchten strahlend in der Nachmittagssonne durch die noch grünen Zweige und Blätter der Nadel- und Laubbäume auf der Uferkante. Als abgestuften Übergang vom Wasser zum Land hat der Maler eine Linie von Booten an hölzernen Stegen gewählt. Die Majestätik des Schlosses auf einer warftähnlichen Erhöhung verstärkte er mit einer Handvoll geduckter Häuser, die er in eine Senke neben dem Gutshof im linken Bereich des Ölbilds setzte. 
Beeindruckt bestaunen die Betrachter das Motiv. Die Geschichte des Bildes, Gedanken zu Hitler-Deutschland, bedrückt sie, aber die Gegenwart heitert sie auf: Auf dem Campingplatz rockt eine Band, kühles Zubr Piwo – das mit dem Bison im Logo – wartet im benachbarten Zelt, ein perfekt Deutsch sprechender Architekturstudent – „sechstes Semester, Technische Universität Hamburg-Harburg, Ende Oktober muss ich zurück“ – klärt kompetent über Details des Fortgangs der Sanierungsarbeiten am Objekt auf, das einst den Dönhoffs gehörte, der wohl bekanntesten ostpreußischen Adelsfamilie, und später an die Lehndorffs überging. Das rustikale Restaurant „Port Sztynort“ in zum Teil historischen Gemäuer hat eine solch geschmackvolle Karte aushängen, dass es im Zelt nur bei einem einzigen Bison bleibt – zunächst.  


Ein Stinthengst an der Kette


Zwei Tage zuvor in Mikolajki schwamm am Brückenpfeiler angekettet ein Fisch. Der Stinthengst, wie die Nikolaiker zu dem Geschöpf sagen, herrschte einst über die heimischen Gewässer. Die Königskrone trug er zu Recht, denn er war allen anderen Stinten an Stärke und Pfiffigkeit weit überlegen. Mit diesen Eigenschaften schützte er sein Volk vor Räubern, musste aber keine größeren Kämpfe austragen, weil das schlimmste Raubtier, der Mensch, den Reichtum seines Elements noch nicht erkannt hatte.
Als sich dann doch, zu grauer Vorzeit, der Stamm der Pruzzen an den Ufern niederließ, plünderte der hemmungslos das Gefilde des Stinthengstes aus. Das verärgerte die nordischen Götter. Sie riefen den schuppigen Wächter der Seen zu sich und beauftragten ihn, die unersättliche Habgier der Menschen zu hemmen. Gehorsam stürzte der Boote um und zerriss die Netze. Die verängstigten, eingeschüchterten Fischer wagten sich daraufhin nicht mehr hinaus aufs Wasser.
Leider war es mit anderer Arbeit in der armen Region nicht weit her. Die Einwohner litten zusehends an Hunger. Ihre Not stimmte die Götter milde und gegen ihr früheres Werkzeug, den Stinthengst. Nordische Götter waren schon immer wechselhaft, nein, nicht nur nordische. Sie erlaubten jedenfalls einem Jüngling, den in Ungnade Gefallenen im See zu fangen. Sie wiesen ihm einen entsprechenden Weg. Er solle auf seinem Amboss ein riesiges Netz aus eisernen Ringen hämmern und es ins Wasser werfen. Tatsächlich gelang es mit dieser Schmiedearbeit, den Herrscher einzufangen. 


Am Schwur gebunden 


Der flehte um Gnade. Als Gegenleistung für die Schonung seines Lebens versprach er, mit seiner Zauberkraft stets für ausreichend gefüllte Netze zu sorgen. Die Nikolaiker waren’s zufrieden. Damit es dem König der Stinte aber nicht einfalle, sich durch Flucht seinem Versprechen zu entziehen, fesselten ihn die Fischer an eine Stütze der Brücke, die über den Nikolaikasee führt. Dort, dicht am Zentrum der Stadt, halten sie ihn nach wie vor gefangen: um nicht erneut in Armut zu sinken. 
Danach sieht es tatsächlich nicht aus. An die Kette gelegt kommt der Meereskönig zwangsläufig selbst heute, im Jahr 2014, seinem Schwur nach. Im Moment beschert er den Nikolaikern wirtschaftlichen Aufschwung durch erhebliche Bauleistungen fremder Unternehmen für die Touristik. Die Stadt, die gerne mit „Venedig der Masuren“ für sich wirbt, putzt sich für den erwarteten und auch schon zunehmenden Ansturm heraus. Kurzurlaube im eigenen Land stehen bei den Polen hoch in Kurs. Der Bedarf an modernen Hotels steigt folglich. „Tophotelprojects“, der führende internationale Informationsdienstleister für Hotelketten und Hotelbau-Projekte, nennt in seiner Osteuropa-Analyse ausdrücklich den wenig bekannten Flecken Nikolaiken als sehr interessante Destination für Investoren.
Jürgen, unser Koordinator und Motivator, hatte Recht, als er sagte, „lasst uns besser jetzt in Ostpreußen chartern als in zwei, drei oder vier Jahren. Noch dürften die Masuren urwüchsig sein, doch die Woiwodschaft wittert Euros und Dollars. Wer weiß, was einem möglichen Umbau alles zum Opfer fällt“. 
Wenn nicht den Stinthengst jemand heimlich von der Kette schneidet. Zurzeit steht er freilich unter schärfster Bewachung. 


Ein Nachsatz



Mit ausführlichen Informationen zu Geschichte, Kultur, Politik und Gesellschaft der Region ist das Internet voll. Man googelt mit Masurische Seenplatte, Ostpreußen, Weichsel-Werder, Sinthengst, den genannten Städten und Kanälen, um all das zu erfahren, was im Artikel nicht steht.                                                    

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