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Mit zwei Knoten durch Wales

Start Boating 24.04.17 BINNEN AUSLAND

In Narrowboats wurden früher Güter auf Kanälen transportiert. Heute dienen sie Urlaubern als schwimmendes Zuhause auf Zeit.

Von Dagmar Krappe 

Die „Queen“ ist kein leichtes Mädchen. Stolze acht Tonnen bringt sie bei einer Länge von elf Metern auf die Waage. Mit knapp zwei Koten schiebt sich der gelb-blaue Stahl-Koloss durch den trägen, braunen Monmouthshire & Brecon Kanal. Dass sich die „Queen“ so gemächlich fortbewegt, liegt weniger an ihrem Gewicht, sondern an den Untiefen des 56 Kilometer langen Wasserwegs. Gerät das Boot zu nah ans Ufer, kann es leicht auf einer Sandbank stecken bleiben, denn der Kanal ist kaum einen Meter tief.

Gerade hatten wir uns an den Linksverkehr auf britischen Straßen gewöhnt, da heißt es nun: „Auf Gewässern fährt man weltweit rechts, also linksseitig oder Backbord an Backbord aneinander vorbei. Das gilt auch für das Vereinigte Königreich“, meint Nigel Curtis von Road House Narrowboats in Gilwern nördlich von Cardiff. Die kleine Marina nahe der Brücke 103 gibt es seit 1892. „Es ist das älteste Narrowboat-Unternehmen am Kanal“, erzählt Nigel: „Der Gründer Edwin John Goodden begann zunächst als Händler, aber auch mit Ausflugsbooten bestritt er schon bald seinen Lebensunterhalt.“ Nigel und seine Frau Sally führen seit 2011 als fünfte Eigentümer den Familien-Betrieb mit vier Schiffen. Die Kanal-Enthusiasten gaben dafür ihre stressigen Jobs in Bournemouth in Südengland auf.

Die langen, schmalen Hausboote, die Narrowboats eben, kann man zwar ohne Bootsführerschein fahren, aber eine einstündige Einweisung ist zumindest für Neulinge erforderlich. Die erste Erkenntnis: Auf einem Narrowboat gibt es weder Steuerrad noch Joystick oder Bug- und Heckstrahlruder, kein Echolot zum Anzeigen des Abstandes zwischen Kiel und Grund oder der Geschwindigkeit. Am Heck befindet sich nur eine lange Eisenstange, die Ruderpinne. Eine Ein-Hebel-Schaltung mit Vorwärts-, Rückwärtsgang und Leerlauf steuert den Dieselmotor. „Man fährt nach Gefühl. Wenn Wellen ans Ufer schwappen, seid ihr zu schnell“, erläutert Nigel. „Das Schleusen ist dead easy (kinderleicht). Wenn ihr wisst, wie man eine Badewanne füllt und entleert, dann habt ihr das Prinzip schnell verstanden.“ Stirnrunzeln. Nur einen Hahn aufdrehen und später den Stöpsel ziehen, damit ist es natürlich nicht getan. Aber Nigel verspricht, vor Ort zu sein, wenn wir nach vier Stunden die erste von fünf Schleusen erreichen, und mit uns zusammen die Theorie in die Praxis umzusetzen. Eingerichtet ist das zwei Meter schmale Boot wie ein Wohnwagen. Vier Personen finden einen Schlafplatz. Es gibt ein feststehendes Doppelbett, ein kleines Bad, eine voll ausgestattete Küche, dahinter eine Sitzecke, die abends zu zwei weiteren Betten umfunktioniert werden kann.

Die zahlreichen Kanäle in Großbritannien stammen aus der Zeit der industriellen Revolution ab Ende des 18. Jahrhunderts. Thomas Dadford jun. ist der Erbauer des Monmouthshire & Brecon Kanals. Zusammen mit seinem Vater und zwei Brüdern war er für die Konstruktion diverser Wasserstraßen in Wales verantwortlich. Pferdebahnen brachten aus den umliegenden Zechen und Wäldern Kohle, Kalkstein, Erze, Schiefer und Holz zu den Kanälen. Die Narrowboats, die einst ebenfalls von Pferden gezogen wurden, transportierten die Güter dann in die größeren Städte oder zu den Seehäfen entlang der Küste. Eines der Hauptindustriezentren in der Nähe des Kanals war Blaenavon. In seiner Blütezeit waren in diesem Kohlebergwerk 1.300 Arbeiter tätig. Bis Anfang 1980 wurde hier noch gefördert. Danach entstand auf dem Gelände das Big Pit Bergbaumuseum. Auch die Eisenindustrie spielte eine große Rolle. Im Blaenavon Ironworks Museum kann man alte Brennöfen, Arbeitsgeräte und Behausungen besichtigen, die das Leben vor 150 Jahren widerspiegeln. Mitte des 19. Jahrhunderts ging der Warentransport auf dem Wasserweg zurück, die Eisenbahn gewann zunehmend an Bedeutung, zumal sie auch preiswerter war. „Ab 1920 wurde der Mon & Brec Kanal kaum noch genutzt“, sagt Nigel: „Fünf Jahrzehnte später entwickelte sich auf einigen wiederbelebten Abschnitten langsam der Tourismus. Über 3.000 Kilometer beträgt das historische Wasserwegenetz in Wales und England.“ Bis 2011 wurde es von der staatlichen Gesellschaft British Waterways unterhalten. Seitdem kümmert sich die gemeinnützige Organisation Canal & River Trust mit vielen Freiwilligen darum, die Kanäle, Flüsse, Docks, Schleusen, Tunnel, Brücken und Aquädukte in Stand zu halten.

Endlich dürfen wir den Schlüssel umdrehen. Der Motor rattert wie ein Traktor. Nigel drückt die „Queen“ vom Ufer aus ein Stück Richtung Kanalmitte. Behutsam in den Vorwärtsgang. Schon tuckern wir auf die erste Brücke zu, die so niedrig ist, dass wir nicht mehr aufrecht stehen können. Ein langes Narrowboat reagiert anders als ein Auto. Bewegt man die Pinne nach links, steuert das Schiff zeitverzögert nach rechts. Und umgekehrt. Hinter der nächsten Kurve kommt ein noch längeres Boot als unsere „Queen“ geradewegs auf uns zu. Noch etwas nervös und mit wenigen Zentimetern Abstand gleiten wir mit einem zaghaften „Hello“ aneinander vorbei.

Gänseblümchen, Löwenzahn und Scharbockskraut säumen das Ufer. Rechts des Kanals verläuft der Treidelpfad, auf dem früher die Arbeitspferde entlang trotteten, die die Lastenkähne zogen. Heute sind hier Radler und Jogger unterwegs. Selbst Walker, Wanderer und zahlreiche Gassi-Gänger sind schneller als unsere 23-jährige „Queen“. Wir schippern unter einem hellgrünen Buchendach dahin, durch das die Mittagssonne mit ihren Strahlen goldene Sterne auf die Wasseroberfläche malt. Entenmütter geben ihren Küken im schlammigen Wasser Schwimmunterricht, und zottelige Wollknäule blöken auf den angrenzenden grünen Weiden: Croesu y Cymru – willkommen in Wales! Alle paar Kilometer passieren wir verschlafene Dörfer. Nur aus den Pubs und Restaurants dringt munteres Stimmengewirr. Llanelly, Llangattock und Crickhowell, das vom „Tafelberg“ überragt wird, liegen bereits hinter uns, als die erste von fünf Schleusen hinter Llangynidr in Sicht kommt. Das untere Tor steht offen. „Langsam und gerade einfahren“, ruft Nigel Curtis vom Ufer aus. Doch links vom Schleusentor strömt Wasser aus, das einen starken Sog verursacht und den Bug des Narrowboats herumreißt. Na bravo, wir stehen quer im Kanal. Mit Tauen und vereinten Kräften zweier Spaziergänger bringen wir die „Queen“ unter Herzrasen und Schweißausbruch wieder in Position. Der Graureiher, der eben noch erfolgreich gefischt hat, scheint verächtlich hinüber zu den Landratten zu schauen und fliegt davon. Ganz vorsichtig bugsieren wir die „Queen“ nun in die Schleusenkammer. Nicht das Prinzip der Kammerschleuse erweist sich als Krux, sondern das Schließen der Tore mittels dicker Eichenbalken und das Hoch- und Runterkurbeln der Ventile, um Wasser ein- und auszulassen, erfordert einiges an Muskelkraft. Der Skipper muss das Boot frei schwimmend mit Vorwärts- und Rückwärtsgang mittig im Trog halten, damit es nicht zu nah an die Tore gerät. Nach 15 Minuten ist das Becken gefüllt, die „Queen“ um drei Meter angehoben. Nach knapp zwei Stunden haben wir nicht ganz ohne Stolz fünf Schleusen gemeistert - dead easy!

Bis Talybont-on-Usk wollen wir es noch schaffen, bevor am Himmel die Sterne angeknipst werden. Stockdunkel wird es bereits vorher im Ashford-Tunnel. Vor der Einfahrt müssen wir ausloten, ob sich ein entgegenkommendes Boot in der Einbahn-Röhre befindet. Auch einen Treidelpfad gibt es nicht. In früheren Zeiten mussten die Schiffer, die Boote per Hand an den Wänden entlang schieben, die Pferde wurden außen über den Tunnel geführt. Wir haben Glück, es ist nur Abendlicht am anderen Ende zu sehen. Anspruch eines jeden Skippers ist es, das Boot so auf Kurs zu halten, dass die Fender nicht die Wände des über 340 Meter langen Tunnels touchieren. Geschafft! Wir machen die „Queen“ an den Pollern vor Brücke 144 fest. Ein zart rosa gebratenes Lammfilet mit grünen Bohnen im „White Hart Inn“ in Talybont haben wir uns verdient.

Lautes Vogelgezwitscher und greller Sonnenschein wecken uns schon früh am Morgen. Die nächste Herausforderung steht bevor: Vier romantische, weiße Ziehbrücken säumen den Weg nach Pencelli. Schnell sind die drei handbetriebenen mit einer Winde hochgekurbelt. Doch die elektrische Brücke mitten in Talybont bereitet Kopfzerbrechen. Sie will sich nicht bewegen. Im kleinen Lebensmitteladen unterhalb des Kanals hat man eine Idee: „Der rote Sicherungsknopf könnte versehentlich gedrückt worden sein.“ Des Skippers Lösung. Knopf entriegelt. „Up-Button“ gedrückt. Schon schnurrt die Brücke nach oben.

Bis Brecon, wo der Fluss Usk den Kanal mit Wasser speist, ist es noch ein Tagestörn. Da wir einen weiteren Kanal in Nordwales erkunden wollen, drehen wir bereits in Pencelli und begeben uns auf die Rücktour, auf der uns für längere Zeit ein roter Milan begleitet. Ein Tunnel, fünf Schleusen und genau 50 Holz- und Steinbrücken liegen vor uns, bis Nigel seine „Queen“ und uns hinter Brücke 103 wieder in Empfang nimmt.

Szenenwechsel - 160 Kilometer nördlicher. Der spektakulärste aller britischen Aquädukte befindet sich auf dem Llangollen-Kanal. „Geflutet wird dieser Wasserweg durch die „Horse Shoe Falls“, einem Wasserfall in Form eines Hufeisens“, berichtet Bill Furniss an der Llangollen Wharf: „Schon 1884 gab es die ersten Touristenboote, die von Pferden gezogen wurden. Ich führe diese Tradition weiter und biete Ausflugstouren zu den Fällen an.“ Wir machen uns mit der motorisierten beige-grünen „Catherine“ in Richtung des 18-bogigen Pontcysyllte-Aquädukts auf. „Der für diese gigantische Konstruktion verwendete Mörtel besteht aus Kalk, Wasser und Ochsenblut“, verrät uns Bill. Da der Llangollen-Kanal weit mehr als einen Meter tief und nicht ganz so versandet ist, ist hier die doppelte Fahrgeschwindigkeit erlaubt. In einer scharfen Rechtskurve biegen wir bei Trevor in den 307 Meter langen gusseisernen Trog des Aquädukts ein. Die Bauweise vor 200 Jahren mutet heute abenteuerlich an, doch sie hat sich bewährt: Der schottische Konstrukteur Thomas Telford ließ schwere Metallplatten verschrauben und diese mit walisischem Flanellstoff, der vorher in kochende Zuckerlösung getränkt war, abdichten. Die Nahtstellen wurden danach mit Blei versiegelt. Nach einer zehnjährigen Bauphase erfolgte 1805 die Einweihung des „Stroms im Himmel“. Seit 2009 zählt der gesamte Abschnitt des Kanals zwischen Chirk und Llangollen zum UNESCO Weltkulturerbe. Die Fahrrinne ist nur minimal breiter als die „Catherine“. An der Ostseite verläuft der Treidelpfad, der durch ein Geländer zum Abgrund hin gesichert ist. Zur anderen Seite umgibt uns nur eine frische Brise, und 37 Meter tiefer rauscht der wilde Fluss Dee durchs Tal. Für Höhenangst ist es jetzt der falsche Moment.

Das Städtchen Chirk ist unser Ziel. Das gleichnamige Aquädukt bildet die Grenze zu England. Es wäre so dead easy weiter zu schippern, nur leider fehlt uns dazu die Zeit.

 

Zwischenstation: der Llangollan Bahnhof. © Harvey Hudson - Fotolia.com
Enge Sache: das Chirk Aquädukt. © eyeimagery - Fotolia.com
Trutzburg: Chirk Castle. © Stephen Meese - Fotolia.com
Festgemacht. © petejeff - Fotolia.com
© pbardocz - Fotolia.com
Eine Reise ins Grüne. © Andrei Nekrassov - Fotolia.com
Steuerstand am Heck. © sigitas1975 - Fotolia.com
Am wilden Fluss. (Foto: Axel Baumann)
Schwindelfrei: Narrowboats auf dem Chirk Aquädukt. (Foto: Axel Baumann)
Millimeterarbeit. (Foto: Axel Baumann)
Einblicke: Alles an Bord. (Foto: Axel Baumann)

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