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Im Zauberland der Herr der Ringe - ALAND

Dennis Tracht 25.04.17 KÜSTE / SEE AUSLAND

One-Way-Ticket von Stockholm via Mariehamn nach Taalintehdas

von Bernd Genath

Was die Aland-Inseln mit Heinrich von Kleist, der Fehrbellin-Schlacht, Jonathan, dem Labyrinth des Minos, einem Orkan an Kap Hoorn, der Eiderente unter Seeadler – und entspannt-spannendem Segeln zu tun haben? Gleich werden Sie es wissen.

Von Angst getrieben eilt sie durch den Wald. Der Tränenschleier vor den Augen und das dichte Gestrüpp machen den Weg beinahe unkenntlich. An einer Wurzel bleibt sie hängen, fällt. Stöhnend rafft sie sich auf, hastet weiter. Hoffentlich, hoffentlich kommt sie nicht zu spät. Vor ihr zeichnet sich bereits durch das Laub der Eschen und Ulmen die viereckige Kontur des mächtigen Hauptturms von Schloss Kastelholma ab. Sie wird sich dem König zu Füßen werfen, um das Leben ihres geliebten Jonathan flehen. Er muss sie erhören. Sie hat ihn, den König, doch im letzten Jahr vor dem Ertrinken gerettet, als er bewusstlos im Wasser trieb, nachdem er gekentert und mit dem Kopf auf einen Stein geschlagen war.

Erschöpft taumelt Eleonora über die Brücke des Wassergrabens, der das Schloss umgibt. Ihr Atem geht schwer. Sie darf nicht stammeln, wenn sie dem Herrscher gegenüber steht. An der grauen Wand eines Anbaus des Kastells gelehnt, schließt sie für einige Sekunden die Augen, vom lauten Pochen ihres Herzens umhüllt. Als das Rauschen des Bluts in ihren Adern abklingt, vernimmt sie neben sich tuschelnde Stimmen. Leise schiebt sie sich an das halb geöffnete Fenster, lauscht. Was sie vernimmt, entsetzt und ermutigt sie zugleich. Mord und Staatsstreich planen die ruchlosen Buben, die sich royale Edelleute nennen.

 

Dunkle Gestalten

 

Den König wollen die Konspiranten im finstren Zimmer dort entführen und ertränken. Er ist ihnen zu unberechenbar. Noch regiert zwar der 16-jährige Karl XI. von Schweden unter der Vormundschaft seiner Mutter Hedwig, letztlich heißt das jedoch, dass mit Mutter und Sohn der Adel vor einer Rechnung mit zwei Unbekannten steht. Wie wird sich der Inthronisierte entwickeln, wird er ihre Privilegien bestätigen? Der Zweite in der Thronfolge dagegen ist von ihrem Schlag, ist ihnen wohlgesonnen. Der muss das Zepter schwingen.

 

Die Gelegenheit zum Attentat scheint günstig. Ein Großteil der Jäger und der Jagdgesellschaft umringt und bewertet noch auf einer Lichtung im Wald die erlegten Trophäen. Lediglich eine wenige Mann starke Patrouille steht zwischen den Meuchlern und dem jugendlichen Monarchen.

 

Das Erhorchte spielt Eleonora einen Trumpf zu. Den hat sie bitter nötig. Ihr panisches Zittern um Jonathan hat schließlich einen Grund: Er, der Wilddieb, begang den schlimmsten aller Jagdfrevel. Er erschoss den Elch des Königs. Eigens einer aufregenden Pirsch wegen residieren der Herrscher und sein Hofstaat derzeit auf den Aland-Inseln, eigens des kapitalen nordischen Hirsches wegen, den seine Vasallen für ihn, den Imperator, ausgespäht hatten. Doch Freischütz Jonathan löschte des Monarchen Jagdfieber. Darauf steht die Todesstrafe.

 

Keine Rotweinsteuer

 

Eleonora kommt nicht zu spät. Die unedlen Edlen entführen zwar den König, aber die Jungfrau weiß wohin. Sie informiert den engsten Vertrauten seiner Majestät, der alarmiert die Dorfbewohner der Insel Sund auf den Alands und gemeinsam befreien sie Karl XI. aus seiner misslichen Lage. Als Dank erhält die Liebende ihren Jonathan unversehrt zurück.

 

Und die Dorfbewohner für zehn Jahre Steuerfreiheit. So sagt es die Legende. Was wünscht man sich deshalb? Dass hierzulande gelegentlich auch jemand den oder die Herrscher entführt, irgendjemand den oder die Herrscher befreit und der oder die Herrscher als Dank zehn Jahre lang zumindest auf die Rotweinsteuer verzichtet/verzichten. Das würde den Segelsport und das Chartern wesentlich preiswerter machen.

 

Schloss Kastelholma liegt auf halber Strecke zwischen Stockholm und der Südwestküste Finnlands. Auf Sund, einer Insel der Alands. Einige Jahrhunderte lang fristete die mittelalterliche Burg das Dasein einer heruntergekommenen Ruine. Heute bemüht sich die autonome Provinz Finnlands – die autonomen Aland-Inseln –, die klobige, halbzerstörte Verteidigungsanlage in ihrer Grundsubstanz zu erhalten. In traditioneller Bauweise mit handgemachten Ziegeln rekonstruieren schwedische und finnische Facharbeiter das Gemäuer, dessen Geburt die Historiker auf das Jahr 1388 datieren.

 

Befehl und Ungehorsam

 

Die romantische Episode aus der Regierungsperiode Karl XI. in der zweiten Hälfte des 17.Jahrhunderts erzählt in drei Akten die Oper „König Carls Jagd“ des Fredrik Pacius. Real geschichtlich wie literarisch tritt der Monarch freilich mit der Schlacht bei Fehrbellin (Brandenburg) auf die Bühne von Politik und Bildung. 1675 verlor er gegen den brandenburgischen Kurfürst Friedrich-Wilhelm jenes Gemetzel. Die Niederlage verdrängte die Schweden endgültig aus Mecklenburg und Deutschland.

 

Literarisch setzte Heinrich von Kleist dem Monarchen als einen der Protagonisten des Scharmützels bei Fehrbellin zwangsläufig ein Denkmal, indem er im Drama und Klassiker der Weltliteratur „Prinz Friedrich von Homburg“ der Frage nachgeht, inwieweit emotionale Entscheidungen des Individuums über Disziplin und Gehorsam stehen sollen und stehen dürfen. Der Prinz hatte entgegen dem Befehl seines Kurfürsten die Schweden angegriffen und gesiegt. „Belohnt“ wurde er dafür jedoch mit einer Verurteilung zum Tod. Wegen des Ungehorsams. Auf einen Bittbrief der Offiziere hin lässt der Regent dann doch Gnade walten. Insofern bestehen einige Ähnlichkeiten zu Pacius’ Oper von den Aland-Inseln.

 

Schloss Kastelholma konfrontierte uns von Angesicht zu Angesicht mit Sage und Historie. Wir hatten von Mariehamn aus per Auto den Abstecher zu Attraktion und Heiligtum der Alands gemacht. Mariehamn ist die Hauptstadt des Archipels der 6.500 Inseln und mindestens 100.000 Schären, das von sich aus behauptet, im Herzen Skandinaviens zu liegen. So Unrecht hat das örtliche Touristenbüro ja nicht, wenn es diese Anpreisung von der Bevölkerungsdichte zwischen Sankt Petersburg im Osten, Stockholm wie Oslo im Westen und Kopenhagen im Süden ableitet.

 

Boote für Leute

 

Unsere Ankunft im Westhafen von Mariehamn – der ist pittoresker als die Ostseite der langgestreckten Halbinsel, auf deren Fels die Stadt gebaut ist – halbierte die Charterwoche. Mit der Besonderheit, dass wir nicht umkehren, nicht zurück nach Stockholm mussten. Von dort waren wir drei Tage zuvor gestartet. Wir mussten deshalb nicht die Wende fahren, weil Midnight Sun Sailing, der Vercharterer, seit einigen Jahren quasi ein One-Way-Ticket Stockholm-Finnland ausstellt. Oder auch entgegengesetzt. In Dalsbruk (finnisch Taalintehdas) südlich der Holz- und Hafenstadt Turku, in Mariehamn und in Stockholm unterhält das Unternehmen eigene gut geführte Basen:

 

Freundliche Mitarbeiter, Schiffe und Ausrüstung, die sich im Top-Zustand befinden, Einweisung und Abnahme, die sich auf das Wesentliche konzentrieren. Midnight Sun Sailings Flotte umfasst Längen zwischen 26 und 51 Fuß, laut Prospekt „inklusive solcher Boote, die sich für einen leistungsorientierten Sportsegler eignen, aber auch Boote für Leute, die einfache Bedienung und großzügige Aufenthaltsräume bevorzugen.“ Wir, eine langjährige Charter-Crew, neigen mehr zu „Boote für Leute…“.

 

Die Qual der Wahl

 

An den Stegen liegen bekannte Marken wie Beneteau, Dufour, Hanse, Gib Sea oder Jeanneau. Die Seekarten entsprechen dem aktuellen Stand, wobei natürlich zu sagen ist, dass noch niemand etwas von Wander-Schären gehört hat. Zumindest sagt die maritime Literatur nichts darüber aus. Das, was sich schon vor 1000 Jahren der Kurslinie in den Weg stellte, stellt sich genau dort auch heute noch in den Weg. Insofern müsste es nicht mal die neueste Karte sein. Zum reichhaltigen Navigationsmaterial gehört ebenfalls ein umfänglicher Hafenführer, der allerdings die Routenplanung nicht gerade erleichtert, indem er selbst versteckte Kleinode am Wegesrand beschreibt und so die Qual der Wahl hervorruft. Was schaut man sich an, was lässt man sich entgehen?

 

Gleichermaßen Recht wie Unrecht hat allerdings der Prospekt des Vercharterers mit dem Hinweis: „Die Ostsee ist kartografisch genau erfasst. Die Zeichen und Signale finden Sie auf allen Seekarten wieder. Dank der guten Beschilderung können Sie sich entspannen und Ihren Segeltörn genießen.“ Recht ja, allüberall befinden sich Zeichen und Signale. Entspannt nein, die Zeichen und Signale zu entziffern, bedarf einiger Übung. Zu schnell verfährt man sich sonst in diesem kretischen Labyrinth des Minos. Zumal die Richtungen abrupt ändern. Wegen der Überwasser- und Unterwasserhindernisse.

 

Wenn Toppzeichen fehlen

 

Als wichtigsten Merksatz behalte man: Toppzeichen zeigen immer in Richtung Schwarz! Nur kennen die Stangen und Bojen in der nördlichen Ostsee leider keine Toppzeichen. Deshalb der Merksatz. Der will sagen: Auf einer Spiere in der Flensburger Förde, die nördlich einer Untiefe steht, stecken obenauf zwei Kegel mit der Spitze nach oben. Das muss man wissen. Mit diesem Wissen um die verschiedenen Toppzeichen identifiziere man die Stangen im Wasser der Aland-Inseln und des finnischen Archipelago:

 

Ein zweifarbiger Schaft mit der oberen Hälfte schwarz und der unteren Hälfte gelb signalisiert eine Gefahrenstelle im Süden. Das entsprechende Seezeichen hat das örtliche Wasser- und Schifffahrtsamt – wie gesagt, ohne den himmelwärts gerichteten Doppelkegel – im Norden der Gefahrenstelle verankert. Das berühmte Stundenglas mit den beiden Spitzen zueinander sucht man vergebens auf der…? Richtig, auf der dreifarbigen Pricke gelb-schwarz-gelb im Westen der Untiefe. Denn beide Spitzen weisen auf den schwarzen Ring in der Mitte des Pfahls hin. Also noch mal zur Wiederholung: Die (zu erdenkenden) Pfeile zeigen in Richtung schwarz!

 

Navigatorisch mag wegen des vielen Gesteins, das permanent den Kurs geradeaus versperrt, und angesichts der wechselnden Farbkombinationen der Stöcke im Wasser der erste Tag eine Herausforderung sein, aber mehr strapaziert das Revier zwischen Schweden und Finnland nicht Kondition, Gemüt und Verstand. Stürme, die eher selten als gelegentlich hier oben toben, rauen das Wasser in der Inselwelt nicht auf. Die vorgelagerten Basaltbuckel brechen die Wellen.

 

Giganten vor dem Bug

 

Man handle auch nicht falsch und verschreckt, wenn sich Hochhäuser im Kielwasser nähern oder auf den Bug zuhalten. Die Fähren der Viking-, Silja-, Tallin- und Finnline nach Mariehamn, Stockholm, Helsinki, Tallin, Kiel und Rostock gleichen zwar den Kreuzfahrt-Kolossen des Typs Meyer Papenburg, tasten sich aber recht behutsam durch das Felsenmeer, halten sich an ihrer Fahrwasserseite, drängen den Segler nicht ab, weil sie unterstellen, dass gleich neben dessen Boje vermutlich eine Unterwasserklippe lauert. Sicher, diesen Passagiergiganten gelassen zu begegnen, fällt in den ersten Stunden schwer. Vor allem wenn sie nach einer Biegung urplötzlich und turmhoch vor einem stehen. Doch lernt man rasch zu reagieren und abzureagieren.

 

Wir hatten auf der Dufour 38 in Svinninge, einem der unzähligen Yachthäfen im Gebiet um Stockholm, eingecheckt und den Sun-Sailing-Stützpunkt an einem Sonntagnachmittag verlassen. Kurs Nordnordost Richtung Norrtälje. Die ersten 20 Seemeilen schulten wir uns im Identifizieren der Seezeichen und im tapferen Verhindern vermeintlich unausweichlicher Kollisionen mit „Cinderella“ et. al. Wie gesagt, nach drei, vier Stunden sorgenvoller Ungewissheit schlagen Herz und Puls wieder im normalen Rhythmus.

 

Wir trauen uns

 

„Entfliehen Sie für ein paar Tage dem Alltagsstress in den idyllischen Lebensraum der Schären! Auf Lidö laden Urlauber ihre Batterien wieder auf, Verliebte trauen sich und Firmen halten in friedvoller Atmosphäre Konferenzen.“ Diese friedvolle Atmosphäre in vielleicht 15 Seemeilen Entfernung von unserem Startplatz, die eine Broschüre anpreist, gönnten wir uns als nächtliches Ruhekissen. Das reizvolle Naturschutzgebiet mit Selbstversorger-Bauernhof, Bock-Windmühle, Mini-Lebensmittelmarkt, Liegeplätzen, Wirtshaus, Jugendherberge, Herz-in-Holztür-Toiletten am und frisch gebackenem Brot aus der Bäckerei unweit des Stegs zwang allerdings zu Frühsport: Waschen und Wasserfassen an der klassischen Hofpumpe.

Gegen Mittag schiebt uns ein zarter Hauch durch Stille und Einsamkeit. Nebelschwaden wallen heran, umhüllen Seemeilen lang das Boot und lassen sich nur widerwillig von der milchigen Sonne vertreiben, die sich erst gegen Nachmittag durchzusetzen vermag. Spitz bedachte Laternenhäuser auf Landzungen und Felsennasen, die sich ins Fahrwasser schieben, tauchen auf und verschwinden wieder hinter dem Gazevorhang feuchter Luft. Bei Drei-Knoten-Fahrt saugen Seele und Auge all den malerischen Reiz auf.

 

Zwei Seeadler auf einer Klippe heben kurz den gelblich-weiß gefiederten Kopf, schätzen Gefahr und Kurs unseres Schiffes korrekt ein, um dann wieder aus der Beute unter ihren Krallen Fleischstücke zu reißen. Vielleicht eine Eiderente. Dieser dickhalsige Taucher steht als Lieblingsschmaus auf ihrer Speisekarte, gleichauf mit dem Aland, jenem karpfenähnlichen örtlichen Fisch, der der Autonomen Provinz Aland den Namen gab.

 

Gesetz: aländisch statt finnisch

 

Ach so, das ist noch gar nicht erklärt: Autonome Provinz Aland. Die 6.500 größeren, theoretisch bewohnbaren, praktisch mehrheitlich öden Felsbrocken – nur auf 60 von ihnen leben Menschen, etwa 26.000 an der Zahl, davon 90 Prozent auf der Hauptinsel Fasta Aland mit Mariehamn – gehören territorial-politisch zu Finnland, kulturell zu Schweden und emotionell sich selbst. In der wechselhaften Geschichte der Provinz verleibten sich die Schweden, die Finnen, die Russen den Steinhaufen ein, bis schließlich der Völkerbund 1921 diese Brücke zwischen Finnland und Schweden den seit 1917 von Russland unabhängigen Finnen als entmilitarisierte Zone zuordnete, den Erhalt der Autonomie, die damals schon existierte, indes mitverordnete.

 

Das drückt sich in einem wunderlichen Landesrecht aus. Obwohl Teil des finnischen Staats, dürfen Finnen auf den Alands erst dann wählen, wenn sie seit mindestens fünf Jahren in einer der Gemeinden leben. Die Landessprache ist Schwedisch. Eine eigene Flagge mit einem gelb umrandeten roten Kreuz auf blauem Untergrund unterstreicht die Autonomie genauso wie die Staatsangehörigkeit „aländisch“ statt „finnisch“. Das Selbstverwaltungsgesetz räumt den Insulanern dieses Differenzierungsrecht ein.

 

Gewicht des Groß eine Tonne

 

Der Sprung von der schwedischen Küste hinüber in die Aland-Inseln mag etwa 20 bis 25 Seemeilen betragen. Wenn die Linie des Festlands im Kielwasser untertaucht, erscheinen bereits vor dem Bug die Silhouetten der Windräder nahe Mariehamn. Benannt ist „Mariahafen“ nach Maria Alexandrowa, der Gemahlin des ZarenAlexander II., der 1861 die Stadt gründete, als Finnland und Aland zum russischen Zarenreich gehörten.

 

Die Hauptstadt steht auf einer etwa fünf Kilometer langen und 1000 Meter breiten Nehrung, ein Fortsatz der Insel Fasta Aland. Wir machen im Westhafen fest. Der Osthafen liegt zwar 200 Meter näher an der Hauptgeschäftsstraße, dafür dürfte unsere Westseite die lyrisch-romantischere sein: fest am Poller im Schatten der Rahen des Großseglers „Pommern“ der ehemaligen Laisz-Reederei, Schwesterschiff der „Passat“ und „Pamir“; im Blick die gekonnten Anlegemanöver an die Passagierbrücke der Großfähren „Cinderella“, „Galaxy“, „Silja Europa“ und „Baltic Princess“ 300 Meter weiter.

Die „Pommern“ misst 95 Meter in der Länge, 13 Meter in der Breite und ist mit einer Tragfähigkeit von 4000 t im Schiffsregister eingetragen. Segelfläche 3.240 Quadratmeter, getakelt als Viermastbark, gebaut und genietet aus Stahl 1903 in Schottland. Sie hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich, mit Salpeterfahrten nach Chile und Weizenfahrten nach Australien. Ein Video-Film im riesigen Laderaum erzählt den beeindruckten Zuschauern und Zuhörern viele aufregende Geschichten: von Feuer an Bord im Südatlantik, Orkan am Kap Horn, zerfetzen Segeln – das Großsegel am Großmast wog 1000 kg, eine ganze Tonne ­–, von Ratten, die die Wasserschläuche durchgefressen hatten. 

Im Archipelago

 

Auf der Fahrt hinüber in das Archipelago vor Turku – mit Archipelago bezeichnen die Finnen ihren Schärengarten –, überquerte unser laut Schiffsregister Sechstonner auf der Länge um 21° 04’’ Ost die Grenze zwischen der Autonomen Provinz Aland und der Republik Finnland.

 

Gleich hinter dem offenen Seestreifen von 20 Seemeilen Breite zwischen Halbstaat und Staat setzt sich bei der Insel Korppoo (oder schwedisch Korpo) das einzigartige Steine-Paradies fort. Die grauen, grünen, braunen, spitzen, sanft gerundeten und schroffen Buckel, Sprenkel, Klippen, Felswände und Eilande ziehen sich hinauf bis Turku im Norden und bis Helsinki im fernen Osten. Wie von großer Hand verstreut, schwimmen zig-tausend solcher mageren bis kräftigeren Sommersprossen auf der Ostsee am Zusammenfluss des finnischen und des Bottnischen Meerbusens.

 

Keine Welle kräuselt den Korpoström. Im feuchten Grau des Horizonts verschmelzen konturlos Meer und Himmel. Wir treiben durch eine Herr-der-Ringe-Mystik. Nur mühsam löst sich die Dichte über uns auf. Sehr spät am Tag zwängen sich Sonnenstrahlen durch die wenigen Ausdünnungen in der nebligen Gaze, um auf den taunassen Felsen in Millionen silberne Splitter zu zerplatzen. Die Herr-der-Ringe-Szene wechselt. Unser Boot schiebt sich jetzt durch eine Welt glitzernder Kristalle.

 

Rumar Strand auf Korppoo

 

Die schon wieder – Arie, der Wirt von Rumar Strand auf Korppoo, sagt es nicht laut. Aber wir lesen es am weinenden und am lachenden Auge des gemütlichen Finnen ab, als wir die Fichtentür seines braun gestrichenen Fichtenhauses öffnen. Arie betreibt in einer ehemaligen Grundschule typischer skandinavischer Holzbauweise aus dem Jahre 1902 ein über die Region bekanntes „Delicious-Food-and-Fish“-Restaurant. Ein tapsiger geschnitzer Bär bewacht es. Arie hatte sich auf den Feierabend vorbereitet. Vor etwa zwei Stunden war die Sonne versunken, hatte einer milden und hellen nordischen Sommernacht Platz gemacht. Die letzten Gäste starteten gerade den Volvo für die Heimfahrt, der Wirt wischte die Tische ab.

 

Das eine Auge weinte, als er uns sah, weil er sofort wusste, dass heute sein Donnerstagtraining im Frauenweittragen, dazu gleich mehr, ausfallen würde. Er hat einige von uns wiedererkannt. Schließlich stoppt unser Törn schon zum dritten Mal vor seiner Haustür. Das andere Auge lachte, weil er sofort wusste, dass manche seiner Vorräte das Verfalldatum nicht erreichen würden. Sowohl ein Teil der festen als auch ein Teil der flüssigen – wenn das „Lapin Kulta“, das heimische Bier, so etwas wie ein Verfalldatum haben sollte. 

 

Ein eigenartiger Sport

 

Das mit dem Frauenweittragen ist tatsächlich ein beliebter Sport der Eingeborenen am Nordpolarkreis. Die Frau als Schöpfung multipler Leibesübungen? Arie schüttelt pikiert und entrüstet den Kopf. „Wir ehren sie, wir tragen sie auf Händen, soweit die Füße tragen.“ Er gibt zu, Ehre sei auch eine Frage des Gewichts. „Aber es wird nicht geschummelt. Es muss die eingetragene Ehefrau sein. Sonst könnte sich ja jeder ein Leichtgewicht schnappen.“ Die Disziplin findet mittlerweile auch außerhalb Finnlands ihre Fan-Gemeinde. Stämmige Esten mit zarten Gattinnen trumpfen zur Enttäuschung der Gastgeber nun schon seit Jahren auf. Sie schaffen den 250 Meter langen Parcours in gut einer Minute.

 

Weit nach Mittag des nächsten Tags schoben wir uns zwei Buchten weiter vor Anker. Wir hatten beschlossen, das Gestrige zu verarbeiten und nicht erneut missionarisch an der Völkerverständigung zu arbeiten. Es galt, den Entschluss nicht zu gefährden. Deshalb die zwei Buchten weiter.

 

Bei der Schiffsrückgabe am Ende der Woche im finnischen Taalintehdas fragte Niklas von Midnight Sun Sailing nicht danach, ob wir gegen eine Klippe gesegelt seien. Auf Antworten dazu verlässt er sich nicht. Er hebt einfach die Bodenbretter hoch und schaut sich die Umgebung der Kielverschraubungen an. „An Absplitterungen im Kunststoff siehst Du sofort, ob das Boot einen Stein touchiert hat. Dann würden wir den Kiel abtauchen. Sieht man hier drinnen nichts, kann auch außen nichts Gravierendes sein.“ Ein-, zweimal hatten wir in Häfen Grundberührung. „Das ist nichts, das gehört doch zum Segeln“, winkt er ab.  

 

Auf Wiedersehen. Versprochen.

 

Das verträumte Lidö-Paradies, die fremdartigen Alands, die Stille des Meeres, das Labyrinth des Archipelagos, Kegelrobben mit schlankem statt wie der heimische Seehund mit rundem Kopf und Kuschelaugen, Eiderenten verspeisende Seeadler, Hosenträger als Frauenträger, weiße Pyramiden ohne Grabkammern, der Möhrenmann – ein nordischer Mutant des Klabautermanns –, schwarz-gelbe Seezeichen statt spitz-spitze, fette Aländer, nein, nicht die Bevölkerung, der Fisch, gemütliche Wirte und rundum saubere Boote – wir werden bestimmt wieder wiederkommen. Zum vierten Mal. 

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