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Im Tempo der Lagune

Start Boating 25.04.17 KÜSTE / SEE AUSLAND

Viel mehr als nur Venedig: Mit dem Hausboot auf Erkundungstour in der spannenden Inselwelt der 550 Quadratmeter großen Meeresbucht rund um die Serenissima

Von Kirsten Panzer

 

Die Brücke steht fest, ihr Bogen ist zu flach, das Boot zu hoch, aufstoppen, ein wenig Rückwärtsfahrt, ein kleiner Hüpfer an Land und eine Leine fest, zur Sicherheit. Die Orientierung fehlt ein wenig. Wir stecken in einer Sackgasse, was abzusehen war, in einer wunderschönen allerdings. An Backbord grüne Wiese, durchsetzt von rotem Mohn, an Steuerbord eine kleine, gepflegte Kapelle, kurze hölzerne Stege im Flach, schmale Kähne, zwei kleine Motorboote, dahinter drei sonnenbeschienene erdfarbene Häuserfronten, davor deren gestikulierende Bewohner und ein paar Nachbarn von einer der umliegenden Inseln.

Ihre Blicke sind inzwischen auf uns gerichtet – wir werden beobachtet. Ein recht unbehagliches Gefühl bei tiefstehendem Sonnenschein im Landidyll. Der Skipper ist ganz ruhig. Ein Zeichen von Land, hier könnten wir nicht festmachen, der Platz sei privat. Doch wir sind erst einmal froh, das Boot am Strick zu haben, genauer gesagt unser Hausboot. Nur liegt es scheinbar auf der falschen Seite des schmalen Kanals, der Isola Le Vignole, einer der beiden Bauerninseln von Venedig.

Dass es eine solche gibt, damit rechnet man als „Normaltourist“ wohl eher nicht. Denn denkt man an die Lagune, so denkt man an Venedig und geht davon aus, dass man es kennt. Die meisten waren irgendwann schon einmal dort, die anderen haben zumindest jede Menge Bilder der Stadt, der Sehenswürdigkeiten, der überschwemmten Plätze gesehen. Und die Rialto-Brücke kennen schon die ganz Kleinen, prangt sie doch oft auf den hauchdünnen fadenscheinigen Papierservietten vieler Eiscafés.

Doch die Lagune ist nicht Venedig, allerhöchstens ist Venedig ein Teil der Lagune, ein Teil, der mit der geschützten Meeresbucht und all ihren Inseln wenig bis gar nichts gemein hat. Ein trubeliger und von Touristen gequälter Baustein des ganzen bunten Baukastens auf blau-grauem Meer.

Und ganz besonders bunt geht es auf den Inseln zu, die für frisches Obst und Gemüse auf den venezianischen Marktständen sorgen. Für Artischocken, Salat, Tomaten und Co. aus dem fast heimatlichen Garten geben die Venezianer dann auch gern ein paar Euro mehr aus. Heimatverbundenheit auch unter dem Marktschirm. Da auch Gäste das Ländliche, das Örtliche ganz gern haben, findet sich ein Agriturismo gleich neben dem Kanal. Ländliche Küche aus heimischer Produktion. Für weitere Farbklekse sorgen Zucchiniblüten und Kapuzinerkresse, doch das auf der anderen Seite des schmalen Kanals. Wir liegen falsch. Wir sind zu weit gefahren. Hätten wir nicht nur auf die Karte geschaut und versucht, bei all den Abzweigungen auf dem Wasser den Überblick zu behalten, vielleicht hätten wir früher gestoppt und ein Wendemanöver eingeleitet. Im Ordner der Charterfirma Rendez-vous fantasia mit vielen hilfreichen Tipps fürs Revier steht es schwarz auf weiß – weit VOR der Brücke soll man drehen.

Was nun? Irgendwie muss unser 10,20 Meter langes Hausboot doch auch bei Strömung und vor allem Wochenendverkehr zu wenden sein. Einheimische nutzen den Kanal zum Wochenendausflug. Brettern mit ihren flachen Motorbooten hier entlang, wie anderswo mit ihren Vespas über Piazza oder Hafenpromenade. Lücke finden und dann? Der Skipper ist noch von der alten Schule, bewahrt mit seinen nun fast 80 Lenzen (ein halbes Jahr darf er sich noch jung fühlen) die Ruhe. Früher hätte er laut seine Kommandos gerufen, damals als ich noch im Alter unseres „Schiffsjungen“ war. Die Enkelin steht lässig mit dem Fender in der Hand an der Reling. Ihr Augenmerk liegt eindeutig nicht auf der behäbigen Pénichette. 17 Jahre, blond. Ansagen des Großvaters werden da schnell überhört. Doch der packt jetzt sein seemännisches Urwissen aus. Motor zwar an, doch lediglich im Leerlauf. „Wir regeln das nur mit den Leinen“, lautet die Ansage. Achterleine lösen, Bug fest belegt, dem Heck einen leichten Schwung gegeben, dazu die Strömung, es wandert aus, dreht langsam Richtung Fahrrinne und dann zur Brücke. „Gleichzeitig ziehen wir den Bug und damit das Boot gegen den Strom“, erklärte der Skipper zuvor seinen Wende-Plan auf der ersten Hausboottour seines Lebens. Und - er gelingt. Perfekt! Für ein Maschinenmanöver wäre es hier schon viel zu eng gewesen! Anschließend Vorwärtsfahrt und längsseits festmachen vor dem Agriturismo. Chiuso steht auf dem Tor, kein Problem wir haben andere Pläne.

Mit dem Vaporetto, dem venezianischen Wasserbus, wollen wir noch nach Venedig reinfahren, schon mal etwas abendliche Atmosphäre schnuppern. Die Haltestelle ist schnell erreicht, der Fahrplan hängt aus und auch ein Schild mit dem Hinweis, dass die Fahrkarte vor dem Betreten des Pontons zu kaufen sei. Doch wie und wo, einen Tabacchi gibt es nicht und auch keinen Automat. Signore Enzo mäht derweil seinen Rasen. An seinem Grundstück führt der kleine Pfad zu „Busstation“ vorbei. Aufmerksam wie er ist, bemerkt er unsere Not. Wir müssen in die Stadt. Die Tochter ist ungeduldig, sie kennt Venedig nicht, und nur Natur ist ihr zu viel. Wirklich weiterhelfen kann der Herr nicht und entschuldigt dies mit der Abgelegenheit seiner kleinen Insel. „Wir sind hier so ländlich, wir wissen da auch nicht Bescheid“, sein hellblaues Hemd sitzt perfekt, genauso wie der Haarschnitt. Das Internet auf dem Mobiltelefon funktioniert nicht. Doch schließlich kann der Vaporetto-Kapitän weiterhelfen, „das Ticket könnt ihr doch auch bei mir kaufen, das ist hier draußen kein Problem“, lacht er uns Ahnungslose an. Ein kurzer Gruß zu unserem Skipper, er hat jetzt endlich Pause, und ab nach Venezia.

Ganz entspannt auf die Lagune schauen, das Navigieren anderen überlassen und sich dabei das erste Flach für die Weiterfahrt merken. Es ist Niedrigwasser, bis zu 1,50 Metern kann die Tide betragen. Die große Salzwiese ist trocken gefallen. Reiher stolzieren auf ihr umher, Stockenten fliegen auf. Hemingway hat es geliebt, sie hier zu jagen. Uns steht nach der Überfahrt der Sinn eher nach einem schnellen Espresso an der Theke der nächsten Bar. Ein Euro, da kann man nicht meckern. Und dann Paläste gucken, sich in Sackgassen verlaufen, Nebenwege erkunden, Brücken erklimmen und die Erkenntnis, dass es nie einen direkten Weg in dieser Stadt gibt. Die Sehenswürdigkeiten Venedigs heben wir uns für den nächsten Besuch auf. Der Skipper ist auch der ideale Stadtführer. Seinem Orientierungssinn kann selbst die Serenissima kein Schnäppchen schlagen, das hat er schon auf dem Wasser wieder bewiesen. An das „Straßenwirrwarr“ innerhalb der Lagune, sprich an die Kanäle und Fahrrinnen, muss man sich erst gewöhnen.

Wie die Navigation, die Orientierung funktioniert, hat Laura von der Charterfirma schon vor der Bootsübergabe in Chioggia erklärt. Hier liegen all die zu mietenden Hausboote in einer Reihe an der Hafenmole der Laguna di Lusenzo zwischen Chioggia und Sottomarina, dem zur alten Stadt gehörenden Badeort mit Meeranschluss. Davor ein großes Schild, das darauf hinweist, dass diese Boote auch ohne Führerschein zu chartern seien. Allzu schwer kann es also nicht sein, sich mit seinem schwimmenden Heim hier zurechtzufinden.

Genau dabei helfen nämlich die hölzernen Dalben. Sie stehen wie Leitpfosten am Rande des Fahrwassers. „Es sind immer drei Pfähle, die mit Ringen zusammengefasst sind. Ihre Spitze mit kleinen weißen Plaketten zeigt zur Fahrrinne. Mal stehen sie nur auf einer Seite, mal begrenzen sie beide Seiten“, erklärt Laura die Navigation. Klingt einfach, ist es auch. Was mit Spitze gemeint ist, erkennt man rasch, wenn man so eine Briccola sieht. Zum Fahrwasser zeigende Nummern helfen hin und wieder zusätzlich weiter und erleichtern es auf der von Rendez-vous fantasia herausgegebenen Karte zu erkennen, auf welcher Höhe, an welcher Ecke man sich befindet. „Und dann gibt es noch die ‚Dama‘“, geht es mit der Einweisung weiter. In der Mitte der drei gleichhohen Pfähle schaut da noch ein vierter höherer heraus, was das Pfostenbündel mit etwas Phantasie wie eine langberockte Dame ausschauen lässt. Sie steht an Wegkreuzungen. Rote und grüne Farbfelder an der Spitze zeigen an, wie sie passiert werden soll. Der Rest ist dann wie Autofahren, und so soll man auch nicht unterwegs ankern, denn „man kann doch nicht einfach auf einer Straße den Anker werfen“, erklärt Laura auf Nachfrage, und außerhalb der Straßen sei es meist zu flach. Also dient der Anker im Bug mehr dem schiffigen Habitus des Bootes und ist außerdem für den Notfall gedacht.

Und dennoch: Auf dem Weg von Chioggia hinauf nach Norden fiel es noch schwer, sich an der ersten „Kreuzung“ zurechtzufinden, selbst dem nautischen Pfadfinder am Steuer. Raus aus dem schmalen Kanal, vorbei an einer der größten italienischen Fischereiflotten. Der dortige Fischmarkt ist ein wahres Paradies für jeden Gaumen, ebenso wie die Spaghetti vongole in der kleinen Bar gleich nebenan. Die Marina an Backbord lassen und dann geradeaus den Bocca di Porto di Chioggia queren, eine der drei Öffnungen der Lagune hin zur Adria. Einer der Durchlässe, die im großen MOSE-Projekt (Modulo Sperimentale Elettromeccanico) geschlossen werden sollen, um die Altstadt von Venedig vor den schwankenden Pegelständen und Überflutungen zu schützen. Bisher wurde Venedig im vergangenen Jahr allerdings nur von über 30 korrupten Politikern befreit, das Wasser dagegen steigt noch immer.

Mit fünf Knoten über die Breite, schneller sollen wir nicht, und viel mehr gibt die Maschine auch nicht her. Ein Frachter naht von Steuerbord, Tempo weiter drosseln, durchlassen, dann Gashebel nach vorn drücken, Tempolimit überschreiten, Hauptsache die andere Seite der Durchfahrt erreichen, dahin kommen, wo es für die dicken Pötte zu flach ist. Nervenaufreibend, doch der Skipper hat die Ruhe weg, die „Jung-Crew“ kämpft auf dem Vordeck gegen die Winterblässe. Pfählesuchen fällt nicht in ihr Ressort, der Krimi ist zu spannend. Endlich säumen wieder die Briccole den Fahrwasserrand. Dahinter ist es flach. Ein Fischerboot pendelt an einem Dalben, der Fischer stapft durchs knöcheltiefe Wasser, Muscheln sucht er, fürs Abendbrot und für den Markt. Langsam tuckern wir an der langgezogenen schmalen Insel Pellestrina entlang. An Kirchen vorbei, roten, orange- und ockerfarbenen Häusern, alles Ton in Ton und verlockend in seiner Ursprünglichkeit und scheinbaren Unberührtheit. Wir wollen weiter und erst auf dem Rückweg hier festmachen. Mehr Zeit für den Rückweg einplanen, auch das gehört zur alten Seemannschaft des Skippers, der das Ruder nicht aus der Hand geben will. „Es ist so entspannend, und ich war wirklich so skeptisch am Anfang. Hausbootfahren - wie Camping, kam mir das vor“, kommentiert er jetzt sein neues temporeduziertes Dasein. Früher musste es rauer für ihn als Segler zugehen. Doch bei fünf Knoten ist nichts wild, und unberechenbar sind höchstens der nächste Liegeplatz oder der Verkehrsknotenpunkt, dort wo der ruhige Canale Orfano im östlichen Teil der Insel Venezia in den Canale di San Nicolo mündet. Zahllose Vaporetti, die Ambulanz, Ausflugsboote, ein Schwimmkran - es ist ein Hetzen und Jagen, und wir mittendrin. Größer könnte der Kontrast zu den ruhigeren Seitenkanälen und den Inseln wie Pellestrina, dem südlichen Lido oder eben Le Vignole nicht sein. Und so ist ein Törn durch die 550 Quadratkilometer große Lagune von Venedig so abwechslungsreich wie in kaum einem anderen Revier. Fast Forward gegen Slow Motion, Rennrad gegen Hollandrad, Abfahrt gegen cross country. Man kann sich auch für nur eines der Tempi erscheinen, würde dann aber nicht das wahre Lagunengefühl kennenlernen, denn gerade diese Varianten machen das Lagunenleben aus.

Und so werden die Leinen immer wieder losgeworfen, und es geht weiter zum nächsten Ziel. Auf durchs Gewühl, die Sirenen heulen auch auf dem Wasser. Stadtluft soll es sein. Venedig, wir kommen, und zwar auf dem eigenen Kiel. Der passende Liegeplatz findet sich auf San Elena, der östlichsten Insel der Stadt, im Fuß- beziehungsweise Brückenbereich zur Altstadt. Die Marina Saintelena wurde vor einem Jahr eröffnet, die ersten Planungen erfolgten allerdings bereits vor 30 Jahren, auch heute ist noch nicht alles fertig. Man liegt hier allerdings trotzdem perfekt, ruhig und in einem ursprünglichen, aber grünen Stadtteil von Venedig.

Nebenan gleich das Fußballstadion mit zugemauertem Eingang zur Südkurve, Kirche und Militär. Fratelli d‘italia erklingt, die Nationale wird eingeholt. Die Tagesgäste ziehen sich aus Venedig zurück, doch wir können bleiben. Circa eine halbe Stunde Fußweg, und schon sind Rialtobrücke und Markusplatz erreicht. Gondeln schwappen schmatzend am Ufer des Bacino de San Marco. Vereinzelt halten Japaner noch ihre Selfisticks in die Höhe, bereits auf dem Rückweg zu ihren Bussen auf dem Festland, Kreuzfahrgäste werden zum Terminal zurückgebracht, machen Platz für das stillere Venedig am Abend. Gondoliere posen für die letzten Fotos, ein kräftiges „O sole mio“ hallt hinter der nächsten Ecke hervor – schön kitschig, so wie es sein soll. Auf dem Rückweg zum Boot ein Einkauf im Alimentari. Heute wird an Bord gekocht. Crew und Skipper sind erschöpft.

Weiter wieder durch stille Kanäle, vorbei an San Erasmo, der größeren der beiden Gemüseinseln, das Artischockenfest haben wir leider verpasst. Am Ufer hat sich eine kleine Herrenrunde versammelt. Pranzo unter freiem Himmel, karierte Tischdecke und beschlagene Weißweingläser. Man prostet uns zu. Fünf Knoten Fahrt. Auf unserer Karte steht eine DIN-A-4-Seite für eine Stunde Fahrt, noch eineinhalb Stunden bis Burano, der bunten Insel der Spitzenklöppler. Wieder ein Wendemanöver vor niedriger Brücke. Diesmal leitet es der Skipper früher ein, wendet zackig und liegt schon fest. Doch jetzt hakt es an den Leinen. Sie sind zu kurz oder die Poller zum Festmachen zu weit auseinander. Das Hausboot vor uns hat etwas zu weit hinten festgemacht. Muschelfischer kehren zurück, sorgen für Schwell an den kostenlosen und für die Boote des Vercharterers reservierten Liegeplätzen auf Mazzorbo, der kleinen Nachbarinsel von Burano. Praktisch! Noch ein Hausboot naht. Es passt knapp hinter uns. Hafenkino. Der Horrorfilm wurde eingelegt – mit dem Bug gegen die Holzplanken der Mole donnern, voller Einsatz des Bugstrahlruders, das Heck kommt rum, noch zweimal knallt‘s, dann sind sie fest. So geht es auch. Dicke Gummileisten schützen zusätzlich zu den Fendern die Schiffe. Etwas blass geworden, nippt unser Skipper vorsichtig an seinem Wein.

Das Timing ist perfekt. Stadtbesuch, wenn die Tagestouristen sich langsam zurückziehen. Doch die Bewohner sind vom täglichen Trubel müde, die Restaurants in den für die Region so untypischen knallbunten Häusern schließen, ganz unitalienisch, früh. Auf der Mazzorbo packt eine Gruppe Hobbymaler die Skizzenblöcke ein. Nicht so bunt wie Burano, dafür aber wesentlich stiller, lassen sich hier unzählige Motive finden, am Kanal oder im Hof einer der ältesten Kirchen der Lagune. Ohne unser Caravanboot wären wir nie auf die Idee gekommen, einen Abstecher hierher zu machen. Das Schiff lädt einfach zum Erkunden ein, sowohl auf dem Wasser, als auch an Land, und es bietet durch seine Langsamkeit scheinbar unendlich viel Zeit, auch für Gespräche, und so wird an Bord nicht nur venezianische Geschichte thematisiert, sogar eher weniger, sondern über das Leben im Allgemeinen philosophiert und vor allem wild zwischen Enkelin und Großvater diskutiert. Wo sonst kann man so viel intensive Zeit miteinander verbringen?

Hemingway, der Krieg, die Zukunft, soziale Arbeit, die Politik und oft die Frage: „Was war eigentlich damals, was hast du gemacht, wie Flucht und Fliegeralarm überstanden?“, und gleich darauf: „Opa, ich muss unbedingt noch mal zu H&M, findest Du den Palast wieder?“

Klar, also wieder zurück nach Venedig. Je näher man der Stadt kommt, umso hektischer wird es auf dem Wasser. Vorbei geht es an der Glasbläserinsel Murano, an ihrem Leuchtturm und ihren Öfen, kommentiert mit „Da könnte man aber ein super Loft reinbauen“. Die Friedhofsinsel San Michele an Backbord wird gerade erweitert. Baustellenverkehr im Dunst. Wellen schlagen an die Bordwand, lassen das Boot schlängeln und hüpfen. Der Skipper besteht auf festem Schuhwerk und festem Griff. Ein Schreck – wo ist die Enkelin? Ab jetzt muss sich jeder abmelden, der seine Position verlässt. Eine ungewohnt klare Ansage. Ein Blick ins Arsenal ist ein Muss für den Kapitän. Die Einfahrt allerdings verboten, doch kommt man mit dem eigenen Schiff schon ganz schön dicht dran, an das einst größte Schiffsbauzentrum Europas. Im 16. Jahrhundert wurden beispielsweise innerhalb von nur zwei Wochen 100 Galeeren für den Krieg gegen die Türken gebaut. Das Arsenal gilt so als erste Fließbandproduktion Europas.

Eine von uns Dreien bevorzugt dagegen einen Kurzbesuch in Harry’s Bar, wegen Hemingway natürlich, und anschließendes Shoppen in alten Palästen und schmalen dunklen Gassen. Der Großvater immer dabei, er wird gebraucht als Wegweiser und ab und zu vor Geschäftseingängen mit einem Glas Wein oder Wasser geparkt. Schnell noch etwas Brot beim Bäcker und ein paar Tomaten, man gehört mit seinem eigenen Zuhause ein bisschen dazu zur Stadt und kommt sich nicht ganz so touristisch vor.

Auch auf dem vollen und extrem wuseligen Bacino San Marco und dem Canale della Giudecca. Hier wird man Teil eines riesigen Wimmelbildes, lässt man sich darauf ein, die Seufzerbrücke, den Markusplatz, San Giorgio Maggiore, die Giudecca von der Wasserseite aus zu besuchen. Schwimmkräne, Postschiffe, Vaporetti, Autofähren, Müllschiffe und dazwischen querende Gondeln, alles tobt quasi um unser temporeduziertes Boot herum. Nervenaufreibend. Wer behält was im Blick? Rechtsfahrgebot, aber wir müssen irgendwie nach links. Schritttempo und Gasgeben wechseln sich ab, so häkeln wir uns auf die andere Seite, nicht wir, sondern eigentlich der Großvater. Eine Admiralsuniform würde ihm jetzt gut stehen, statt Ringelhemd, solch eine stoische Ruhe strahlt es aus. Früher hätte ihn die Hektik auf dem Wasser angesteckt.

Geschafft, die Westspitze von Giudecca ist erreicht. Doch nirgendwo ist die Donna für die nächste Ansteuerung zu finden. Die Möven fliegen tief, die Mülldeponie lockt sie an. Der Verkehr wird nicht weniger. Doch nichts hilft, wir müssen zurück und noch einmal ins Wimmelbild eintauchen. Ohne genaue Ansteuerung ist es zu gefährlich, durch die Flachs zu manövrieren. Wenigstens muss keine Querung mehr folgen. So lässt sich auch der Trubel genießen und dieses besondere Venedig-Gefühl noch einmal ganz tief inhalieren. Es geht zurück in die Ursprünglichkeit der Lagune.

Wacklige, windschiefe Bauten auf Stelzen säumen den Weg, stehen im Wasser, bieten Unterstand bei der Jagd und für die Ausrüstung der Lagunenfischer. Dunst liegt über der Weite. Noch sind die Berge von Padua zu sehen, hinterm Heck stehen die Alpen, voraus liegt der Heimathafen Chioggia. Klein Venedig nennen sie es auch, allerdings ist es wesentlich bodenständiger und hemdsärmeliger, hier wird gefischt, gehandelt und gearbeitet.

Pellestrina liegt verlockend an Backbord. Liegeplätze an der Mole sind frei. Längsseits gehen, aussteigen, Eis essen, schlendern durch die drückende Mittagshitze. Es ist heiß und dunkel am Horizont. Wetterbericht Fehlanzeige. Siesta an Bord, während die Einwohner sich hinter ihren grünen Fensterläden verstecken. „Man sagt, die Leute hier sind verschlossen, wie verdorbene Muscheln“, bekam Commissario Brunetti zu hören, als er auf Pellestrina ermitteln sollte. Doch über uns öffnet sich ein Fenster. Eine ältere Dame redet auf uns ein, schweigsam und verschlossen scheint sie nicht zu sein. Das Wort „Tempo“ fällt immer wieder. Was ist mit dem Wetter? Sie wünscht ihre Kinder herbei, die Französisch, Deutsch und Englisch können, doch sie kommen nur zweimal im Jahr auf die Insel – das hilft jetzt wenig. Mein Italienisch ist leicht eingerostet, und sie spricht so schnell. Unser jüngstes Crewmitglied sitzt unter Deck und lernt Geschichte. Wir liegen gut, das Wetter wird uns nichts anhaben können. Signora schließt resigniert die Fenster. Irgendetwas hat sie auch von den Fischern erzählt. Sie stehen hinter der nächsten Ecke, sortieren verschlossen die Netze. Warum sind sie nicht rausgefahren? Doch das wird schnell klar, wir sollen lieber in ihren Hafen verholen, ein Unwetter zieht auf. Die nächsten 30 Stunden soll es extrem ungemütlich werden.

Sollen wir lieber weiterfahren? Versuchen, es bis Chioggia zu schaffen? Sie nicken schweigend. Das Handy piept, eine Nachricht von Laura erscheint auf dem Display, wir sollen unbedingt das Boot gut vertäuen, ein Unwetter käme. Was tun? Schiffe machen wir für gewöhnlich gut fest, dafür sorgt schon der penible Skipper. Die Hitze drückt. Die Lagune scheint zu flimmern. Also Leine los und ab nach Hause!

Fünf Knoten können ganz schön langsam sein. Aber die Zeit reicht. Es weht zwar immer stärker, doch ist der Hafen erreicht, bevor es richtig losgeht und das Wasser der Lagune über die Hafenmole spült. Gemütlich, so wie die Fahrt bisher, ist es auch jetzt an Bord, wenn draußen der Wind tobt, die Boote an ihren Liegeplätzen tanzen und in Pellestrina die Fensterläden geschlossen bleiben.

Doch dann, wenn diese wieder geöffnet und die Artischocken auf San Erasmus wieder gefeiert werden, in Venedig die Tagesgäste wieder ihre Selfisticks einpacken und in Vignole die Sonntagsausflüger mit ihren Booten durch den Kanal flanieren, sollte man sich wieder aufmachen zu einer neuen Reise durch die Lagune von Venedig, in der es noch unzählige weitere Inseln, Kanäle, Mündungen und Abzweigungen zu entdecken gibt – immer auf der Suche nach der Donna, die Skipper und Crew stets den richtigen Weg weist. 

Murano: Insel und Glas. © Bogdan Ivan - Fotolia.com
Tolles Team: der Skipper und die Enkelin. (Foto: Panzer)
Zuhause auf Zeit: unser Charterboot. (Foto: Panzer)
Nachschub. (Foto: Panzer)
Buntes Burano. © santosha57 - Fotolia.com
Willkommene Erfrischung: Gelati al Limone. © Antonio Gravante - Fotolia.com
Hallo Lebensgeister! © sabine hürdler - Fotolia.com
Fischen ist Tradition in Chioggia. © ChiccoDodiFC - Fotolia.com
Pflichtmotiv. © travelwitness - Fotolia.com
Immer schön Abstand halten. © Andreas Gerlach - Fotolia.com
Endlich Feierabend. © DjiggiBodgi.com - Fotolia.com
© Sergiogen - Fotolia.com
Klassiker mit magischer Anziehungskraft: der Markusplatz in Venedig © Stillkost - Fotolia.com
Glas: Muranos Gold. © Sailorr - Fotolia.com
Nur ein Gerücht? „Man sagt die Leute hier sind verschlossen wie verdorbene Muscheln“ bekam Commissario Brunetti zu hören als er auf Pellestrina ermitteln sollte. © bepsphoto - Fotolia.com
Dinner mit Aussicht. © jovannig - Fotolia.com
Endlich Ruhe. © peggy - Fotolia.com
Verschleierte Schöne: Venedig © Blickfang – Fotolia.com
Es muss nicht immer das Boot sein. © Dimitri Surkov - Fotolia.com
Wäsche und Wasser. © H.Peter - Fotolia.com

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