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Dahme und Spree - Eindeutig: Der Weg ist das Ziel

Dennis Tracht 25.04.17 BINNEN INLAND

Mit Theodor Fontane vom Müggelsee zum Scharmützelsee

von Bernd Genath

Totale Entspannung, stimmungsvolle Einsamkeit, weltliterarische Umwelt, gebrochene Bäume, die im Weg liegen, Otter, die den Bug kreuzen, befahrbare Wasserarme, die sich verstecken: In der südlichen Mark Brandenburg bist Du nicht in der Neuzeit. Für einen Moment war es ihm gelungen, die geifernde Meute abzuschütteln. Waidwund, aus zahlreichen tiefen Bisswunden blutend, entdeckte der Hirsch im vielleicht noch erreichbaren Abstand eine hohe grüne Wand. Der schützende Wald. ‚Spute Dich, spute Dich’ schienen ihn die Zweige heranzuwinken. ‚Du schaffst es, Du schaffst es’. Er schaffte es. Als er in das für die Pferde undurchdringliche Unterholz eindrang, verschlossen sofort hinter ihm die Blätter den Eingang und stoppten die enttäuschte Jagdgesellschaft. Einige rünstige Hunde zwängten sich noch ungestüm durch das Dickicht, kehrten aber wütend bellend um, als die Hohen Herren auf den schnaubenden Rössern das entsprechende Abbruchsignal pfiffen.Die Bitte des HirschesErmattet sank der Hirsch im Gehölz nieder. Ob seiner Rettung wollte er laut röhrend durchatmen. Nur ein Röcheln entrann seinem Geäs. Doch hatte er bald Kraft genug, um über die Zunge des Pastorensohns und deutschen Dichters Matthias Claudius seinem Gebieter eine Bittschrift zu senden: „Durchlauchtiger Fürst, Gnädigster Fürst und Herr!

Ich habe heute die Gnade gehabt, von Ew. Hochfürstlichen Durchlaucht parforcegejagt zu werden; bitte aber untertänigst, daß Sie gnädigst geruhen, mich künftig damit zu verschonen. Sollten Hochfürstl. Durchl. nur einmal parforcegejagt sein, so würden Sie meine Bitte nicht unbillig finden. Ich liege hier und mag meinen Kopf nicht aufheben, und das Blut läuft mir aus Maul und Nüstern. Wie können Ihre Durchlaucht es doch über's Herz bringen, ein armes unschuldiges Tier, das sich von Gras und Kräutern nährt, zu Tode zu jagen? Lassen Sie mich lieber totschießen, so bin ich kurz und gut davon. Noch einmal, es kann sein, daß Ew. Durchlaucht ein Vergnügen an dem Parforcejagen haben; wenn Sie aber wüßten, wie mir noch das Herz schlägt, Sie täten‘s gewiß nicht wieder.“ 


Jagdschlösser in der Parforceheide


Dahme und Spree schlängeln sich durch das dem Hirsch beinahe zum Verhängnis gewordene brandenburgische Revier preußisch-königlicher Parforcejagden, mit heutigen Augen gnadenloser Parforcejagden. Als Freizeitbeschäftigung der Absolutisten. Humanismus, das Tierreich eingeschlossen, war noch ein Fremdwort. Matthias Claudius änderte nichts daran. Und: Frankreich, USA, Australien und weitere Länder erlauben diese Form der Hege und Pflege nach wie vor. Kurfürst Joachim II. Hector hatte im 16. Jahrhundert rund um seine Residenzen Berlin und Cölln – Cölln lag auf der Spree umflossenenen heutigen Museumsinsel in Berlin Mitte (mit Stadtschloss); der Stadtteil Neukölln erinnert noch an die „Kommune“ – die ersten Jagdschlösser bauen lassen: in Grimnitz und Bötzow (Oranienburg), im Grunewald und in Köpenick. Diese Ensemble ergänzte der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm, der Großvater des Soldatenkönigs Friedrich I. und Urgroßvater des Alten Fritz. Seine Nachfahren taten es ihm gleich. Der Soldatenkönig blies zum Großen Halali regelmäßig von seiner Residenz in Wusterhausen an der Dahme. Die mittelalterliche Burg hatte er als Zehnjähriger im Jahr 1698 von seinem Vater, König Friedrich I. in Preußen, geschenkt bekommen und nach seiner Thronbesteigung 1713 zum Jagdschloss und einem seiner Lieblingsheime ausgebaut, zu Königs Wusterhausen. Vor dessen Mauern im südlichen Brandenburg erstreckte sich ebene Heidelandschaft mit dünner Bewaldung, das ideale Revier für die erbarmungslose Hatz auf Hirsche, Füchse, Wölfe und Sauen.

Und wie gesagt, durchflossen von Dahme und Spree. Oder ganz genau gesagt, durchflossen von Dahme, Spree und Oder-Spree-Kanal. Bei Wernsdorf am Seddinsee nämlich, ein paar Kilometer südöstlich von Grünau, zweigt der Kanal von der Dahme ab, vereinigt sich dann ein kurzes Stück vor Fürstenwalde mit der gemächlich etwas nördlicher ziehenden Spree, um wieder später zur Oder abzubiegen. 


Kein Scharmützel


Nach Bad Saarow: Die Bundeshauptstadt verbinden zu Wasser sowohl die Spree via Müggelsee als auch die Dahme via Langer See/Grünau, ferner der Zeuthener See, der Krüppelsee, der Wolziger und der Große Storkower See nebst Verbindungskanälen und weiterer Weiher mit dem beliebten Ausflugsziel der Berliner. Der Kurort liegt an der Nordspitze des zehn Kilometer langen Scharmützelsees. Der trägt einen Namen, der zur Missdeutung verführt. Ein Scharmützel in geschichtlichem Maßstab hat hier nie stattgefunden. Mit Schar- oder Schermützel bezeichneten die einheimischen Slawen – daher stammt das Wort – den Faulbaum wie auch eine krumme Linie.

Für die rund 80 Kilometer vom Wassersportzentrum Berlin am Müggelseedamm in Köpenick nach Bad Saarow – und natürlich zurück – hatten wir uns die erste Juniwoche ausgesucht. In unserem Kulturprogramm standen Schloss Köpenick, Wohnsitz zu Kronprinzenzeiten des ersten preußischen Königs Friedrich I., der später, nach seiner Krönung 1688, ins Berliner Schloss umzog, sowie die Jagdschlösser Königs Wusterhausen und Fürstenwalde (mit Taxi). Das sollte genügen. Die Köpenicker Residenz lag praktisch an unserem Start- und Zielort. Eile kam nicht auf. Die insgesamt vier Schleusen Neue Mühle, Krummersdorf, Storkow und Wendisch Rietz öffnen zu normalen Zeiten und, da sie ohnehin überwiegend nur noch Sportbootverkehr bedienen, auch zügig. Anlegestellen und Ankerbuchten bieten sich beinahe im Kilometer-Rhythmus an. Allerdings sind an der Strecke Gasthöfe nicht reichlich gesät. Aber dafür – und man kann es nicht anders als mit solch einer flachen Phrase sagen – wunderschöne Natur pur. Im Märkischen, an Dahme und Spree, ist ausschließlich der Weg das Ziel.  

Theodor Fontane beschreibt im vierten Teil seiner „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ mit seinem augenzwinkernden poetischen Realismus die Region. Es wäre vermessen, für diese Landschaft bessere Worte finden zu wollen.


 „Eine Osterfahrt in das Land Beeskow-Storkow“ 


„Zwischen dem Spreewald und der Wendischen Spree (der Dahme) liegt das Land Beeskow-Storkow, ein wenig gekannter Winkel, der nichtsdestoweniger seine Schönheit und seine Geschichte hat. Beiden beschloß ich nachzugehen und wählte dazu die Woche vor Ostern, eine Zeit, in deren greller, oft schattenloser Beleuchtung ich die märkischeLandschaft noch nicht gesehen hatte. Von den alten Familien dieses ehemalig lausitzischen Landesteiles interessierten mich am meisten die Löschebrands, in betreff deren ich nur wußte, daß sie seit vielen hundert Jahren um den großen Schermützel-See herum ihre Sitze hatten. Ihr Name schon klang mir prächtig im Ohr, und ich sah eigentlich alles, was Löschebrand hieß, hoch zu Roß irgendeinen Brand mit geweihter Lanze löschend. Jeder ein Ritter Sankt Georg. O das mußte ein himmlischer Tag werden, und ich gab mich dieser Vorstellung um so voller und sichrer hin, als ich, ein paar Notizen abgerechnet, keinen »Wissenskram« in mir beherbergte, der meine Phantasie hätte zügeln können….

Über sieben Brücken


Der Abend vorher schon hatte mich nach Fürstenwalde geführt, von wo die Fahrt in aller Morgenfrühe beginnen sollte. Diese Morgenfrühe war nun da, der Wagen kam und hielt, und über das holprige Pflaster der ehemaligen Bischofsstadt hin ging es in das »romantische Land« hinein. In das romantische Land Beeskow-Storkow…..Es ging, weil die Spree hier sieben Arme hat, über sieben Brücken, und als die letzte Brücke hinter uns lag, lag auch schon die weite Landschaft vor uns, hell und klar und sonnig, und so trocken, daß der Staub aufwirbelte, wie zur Sommerzeit. Aber ein Blick auf die Bäume zeigte zur Genüge, dass der Sommer noch ausstand und daß nichts heraus war als ein paar ärmliche Palmsonntagskätzchen…

Ich hatte gleich anfangs meinen Platz neben dem Kutscher genommen, der eigentlich kein Kutscher war, sondern ein Fuhrherr, und durch gute Haltung in jedem Augenblicke den Beweis führte, daß er bei den Potsdamer Ulanen gestanden. Er hieß Moll, entsprach durchaus seinem Namen und gab was auf Bildung, Bücher und Zeitungen. Aber er hatte sich seinen guten Verstand und sein eigenes Urteil nicht weggelesen und hielt vielmehr umgekehrt mit einem gewissen Eigensinn an seinen einmal gefaßten Ansichten fest. Selbstverständlich immer unter Wahrung artiger Formen. Er war gesprächig und mitteilsam, aber doch zugleich auch reserviert und lächelte viel….


Amtliche Menschen


Ich sagte: »Sie sprechen so anders, Moll; wo sind Sie eigentlich her?« »Ich? Ich bin aus Hinterpommern.« »Ist es möglich?« »Ja, was will man machen.« »Und von wo denn?« »Von Köslin. Das heißt, ein bißchen ab, so nach 'm Gollenberg zu.« »Da sind Sie ja Nachbar von Bismarck.« »Nei, der liegt mehr rechts weg, so zwischen Rummelsburg undSchlawe. Meine Gegend ist doch noch anders. Und ich sag Ihnen, eine propre Gegend.«»Ich dacht immer, es wäre da nicht viel los.« »Ja, das haben mir schon viele gesagt. Aber es is nicht so. Da is mehr los als hier. Denn was haben Sie denn hier? Eine Kussel und dann wieder 'ne Kussel. Und mal 'ne Kräh und, wenn's hoch kommt, 'ne Bockmühle.« »Nu gut. Aber was haben Sie denn? Ist es denn besser bei Ihnen?« »Nu, besser is es schon, denn schlechter is nich möglich. Und das macht alles der Charakter. Der Charakter is immer die Hauptsache. Sehen Sie, bei uns gibt es lauter amtliche Menschen.«»Und alle zehn Schritt 'nen Edelmann.« »Ach, lieber Herr, ein Edelmann is gar nich so schlimm. Ich bin auch für Freiheit; aber was so 'n richtiger Edelmann is, na, viel tut er woll freilich auch nich, aber er tut doch immer was. Und der Bauer is auch janz anders bei uns.« »Ich hab immer gefunden, der Bauer ist überall derselbe. Der Bauer ist überall hart.«

»Is schon richtig. Aber doch alles mit 'n Unterschied. Un warum is er hier so hart, ich meine so schlimm-hart? Weil er selber nichts hat. Es is ja die reine Hungerleiderei. Sehen Sie sich doch diesen Weg und diese Schonung an. Der reine gelbe Sand. Und wo der reine gelbe Sand is, is auch immer der reine gelbe Neid. Und gönnt keiner dem andern was. Und von was geben oder helfen steht nu schon gar nichts drin.« »Hören Sie, Moll, ich bin zwar selber ein Märker, aber ich glaube wahrhaftig, Sie haben ein bißchen recht.« »I, freilich hab ich recht. Es is alles pauvre hier, und von 's Pauvresein is noch nie nich was Gutes gekommen.«….


Für 2000 Taler


Nur von dem höchsten Punkte der »Schönen Aussicht« aus hatten wir den See vor Augen gehabt, als wir nun aber, am Hügelabhange hin, ihm direkt zufuhren, verschwand er wieder und überließ mich auf eine halbe Stunde nicht nur dem mahlenden Sande, sondern auch allerhand philosophischen Betrachtungen, in denen Moll so stark war. Er sprach unter anderm eingehend über das Glücksrad und den Wechsel aller Dinge, wovon auch der Schermützel, übrigens zu seinem und der Anwohner Vorteil, ein Lied zu singen wisse. Jetzt bring er zum Beispiel 2000 Taler Pacht und werd es bald noch höher bringen, um die Zeit aber, als die Franzosen im Lande gewesen seien, sei der ganze See, der damals dem Fiskus gehört, um die Summe von 2000 Taler an einen Meistbietenden verkauft worden. 

Und noch dazu wie? Der Meistbietende sei nämlich ein Herr von Löschebrand auf Saarow gewesen (nicht der alte Rittmeister, der jetzt auf dem Reichenwalder Kirchhof liege, sondern sein Vater oder Großvater), ein pfiffiger alter Junker, der sich denn auch einen richtigen Junkerspaß gemacht und die ganzen 2000 Taler in lauter ihm selber aufgezwungenen Bons und Lieferungsscheinen ausgezahlt habe. Natürlich seien die Scheine von dem Beamten untersucht und nachgezählt worden, und als sich bei der Gelegenheit ergeben, daß es nur 1998 Taler seien, habe der alte Saarowsche mit einem Gesicht, als ob es ihm nicht drauf ankomme, noch zwei blanke Taler zugelegt und dabei herzlich gelacht. Und so sei denn der ganze See damals für zwei Taler oder den tausendsten Teil von dem, was er jetzt Pacht bringe, verkauft worden…

Tanz auf flimmerndem See


Es war ein wundervoller Weg; über dem blauen Wasser wölbte sich der blauere Himmel, und zwischen den spärlichen Binsen, die das Ufer hier einfaßten, hing ein ebenso spärlicher Schaum, der in dem scharfen Ostwinde beständig hin und her zitterte. Holz und Borkestücke lagen über den Weg hin zerstreut, andre dagegen tanzten noch auf dem flimmernden See, der im übrigen, all diesem Flimmern und Schimmern zum Trotz, einen tiefen Ernst und nur Einsamkeit und Stille zeigte. Nirgends ein Fischerboot, das Netze zog oder Reusen steckte, ja kaum ein Vogel, der über die Fläche hinflog. Oft hielt ich an, um zu horchen, aber die Stille blieb, und ich hörte nichts als den Windzug in den Binsen und das leise Klatschen der Wellen. Und endlich auch die Schläge, die vom Pieskower Turm her zu mir herüberklangen. Ich zählte zwölf, es war also Mittag… 

…wo mein Fußweg in die vorerwähnte Saarower Dorfgasse mündete. Dicht am Eingange saß ein Mütterchen auf einem Strauch- und Reisigbündel, das sie sich aus der Heide geholt, und grüßte mich. Alte Weiber sollen kein Glück bringen, aber wenn sie freundlich sind und einem einen »Guten Tag« bieten, so hat es mit der ganzen Jägerweisheit nicht viel auf sich.… »Ich dank’ auch schön, Mutterchen.« Und damit ging ich weiter in das Dorf hinein….

Backstein und Stil-Jammer


Ich schlenderte dann zwischen zwei Heckzäunen hin auf einen Grasplatz zu, der allem Anscheine nach die Mitte des Dorfes bildete. Häuser und Gehöfte faßten ihn ein, unter denen ich gerade der Kirche gegenüber auch ein preußisches Schulhaus in seiner eigentümlichen Mischung von Backsteinsauberkeit und Stiljammer erkannte… Die Kirche war keine von den altehrwürdigen aus Feldstein, die stets einen Reiz und eine Schönheit haben, sondern ein Neubau, den man hier unter Benutzung der alten Fundamente vor länger oder kürzer errichtet hatte. Von rechts her lehnte sich ein Turm an, eigentlich nur ein Türmchen von der Art, wie man ihnen auf Weinbergen und Wirtschaftshöfen als Eingang in Sprit- oder Eiskeller begegnet. Es war also mit nur geringen Erwartungen, daß ich die Kirche betrat. Aber freilich auch dies Wenige sollte kaum erfüllt werden. An der einen Wand hingen ein paar Totenkronen und  Immortellenkränze, während über dem Altar ein Abendmahlsbild paradierte, darauf Judas um kein Haarbreit schlimmer aussah als die zwölf andern, Christus mit eingerechnet. Der Lehrer führte mich. Ich übersah rasch, daß hier wenig zu machen sei, wollt aber das Meine getan haben und sagte: »Sie wissen doch, daß es früher eine Löschebrandsche Kirche war und daß viele Löschebrands hier begraben wurden?« »Ich habe davon gehört, unser alter Emeritus...« 

Sarg mit Kuckfenster


»Und da wundert es mich, hier nichts als kahle Wände zu finden. Einer aus der Familie war mit Feldmarschall Illo verschwägert, ein andrer fiel bei Fehrbellin, und ein dritter soll sich gegen die Türken ausgezeichnet und dem Köprülü die große Prophetenfahne mit eigner Hand entrissen haben. Ich nenne nur diese drei. Nach meinen Erfahrungen nun auf diesem Gebiete geht man in unsren märkischen Familien über solche Dinge nicht gleichgültig fort, und wenn auch selbstverständlich die großen Geschichtsbücher nicht Zeit und Platz haben, ein Aufhebens davon zu machen, so tuen es doch die Kirchen und Krypten überall da, wo solche Schwertmagen und Kriegsgurgeln zu Hause waren… Istdenn gar nicht so was hier?«»Es hat auch dergleichen gegeben. Hier in dieser Kirche. Wenn ich sage ›dergleichen‹, so mein ich nicht Degen mit Brudermord, denn ich will mir nichts an den Hals reden. Aber Grabsteine mit Inschriften und Engelsköpfen, und einen kupfernen Sarg mit einem Kuckfenster oben, all das und manch andres noch war da. Darüber ist kein Zweifel.«

»Und Sie haben das alles selber noch gesehn?« »Oh, nein. Es war das alles lange vor meiner Zeit, und das wenige, was ich davon weiß, weiß ich von unserm alten Emeritus und von der Mutter Rentschen, die noch die frühere Steinkirche gekannt hat und mal mit unten in der Gruft war, als sie die Särge schoben und zusammenrückten, um Platz für den letzten zu schaffen. Denn die Pieskowschen gingen eher ein als die Saarowschen. Und der mit dem Kuckfenster habe ganz bös ausgesehn und den Kopf geschüttelt, als ob er's nicht leiden wolle. Denn er sei schon bei Lebzeiten immer sehr stolz gewesen und habe sich nicht gerne beiseite schieben lassen. «… 

Der bösartige Schäfer


Gegen Mittag erreichten wir Storkow, eine der beiden Hauptstädte dieser Gegenden, und fuhren eine Stunde später um den großen Wolziger See herum, an dessen Westufer ich in einiger Entfernung unser eigentliches Reiseziel erkannte: Dorf Blossin. Dieses, trotzdem es nur klein und bloßes Filial zu Friedersdorf ist, ist doch nichtsdestoweniger als der Punkt im Beeskow-Storkowschen anzusehn, dem der Ruhm einer eminent historischen Örtlichkeit in erster Reihe zukommt. Es wohnten hier nämlich die Queiße, von deren Schloß oderHerrnhaus aus die berühmte Fehde des Nickel Minckwitz ihren Ursprung nahm, eine Fehde, die mit der derselben Epoche zugehörigen des Michel Kohlhaas eine gewisse Verwandtschaft hat…

Der beinah achtzigjährige Heinrich von Queiß, Gerichtsherr zu Plössin und Lehnsträger des Bischofes von Lebus, war aus einem unbekannt gebliebenen Grunde mit seinem Schäfer in Streit geraten, so daß dieser letztre sich an seines Guts- und Gerichtsherrn Familie tätlich vergriff. Aber nicht genug damit, er ging in seiner Rache weiter, überfiel – nachdem er vorher die Flucht ergriffen und in Friedersdorf und Dolgenbrod einen Bauernhaufen um sich versammelt hatte – Dorf und Feldmark Plössin und trieb seines Herren Schafe fort. Heinrich von Queiß verklagte nunmehr den Aufrührer bei dem Bischofe von Lebus… 


An Bord der „Sphinx“


Am 6. Juli vormittags empfing ich folgende vom Tage vorher datierten Zeilen: »Sehr geehrter Herr. Es würde mich außerordentlich freuen, Sie an einer Bootexpedition teilnehmen zu sehen, die seitens der ›Sphinx‹ am 7. früh von Köpenick aus unternommen und bis Teupitz ausgedehnt werden soll. Es handelt sich, nach vorgängiger Passierung befahrener Wasserstraßen, um ein Vordringen bis zu den See- und Quellgebieten der ›wendischen Spree‹, Gebiete, die selbst Ihnen vielleicht auf Ihren märkischen Wanderungen unerschlossen geblieben sind. Einer brieflichen Rückäußerung bedarf es nicht; ich und einige Freunde sehen Ihrem Eintreffen am 6. abends mit Bestimmtheit entgegen. Sie finden uns an Bord. Ihr Backhusen.« In einer Nachschrift war hinzugefügt, daß die »Sphinx« bereits im Laufe des Tages an der Südspitze der Köpenicker Schloßinsel vor Anker gehen werde. Diese Zeilen versetzten mich in eine Aufregung… Ich breitete den »Kreis Teltow« vor mir aus und schwelgte vorweg in den blauen Seeflächen, die, auf der bunten Rappardschen Karte, den ganzen Weg zwischen Köpenick und Teupitz ausfüllen…. Was ich dadurch an Orientierung gewann, sei auch dem Leser nicht vorenthalten.

An der Brücke von Köpenick treffen zwei Flüsse beinahe rechtwinklig zusammen: die eigentliche Spree und die wendische Spree, letztere auch »die Dahme« geheißen. Die wendische Spree, mehr noch als die eigentliche, bildet eine große Anzahl prächtiger Seeflächen, die durch einen dünnen Wasserfaden verbunden sind. Ein Befahren dieses Flusses bewegt sich also in Gegensätzen, und während eben noch haffartige Breiten passiert wurden, auf denen eine Seeschlacht geschlagen werden könnte, drängt sich das Boot eine Viertelstunde später durch so schmale Defilés, daß die Ruderstangen nach rechts und links hin die Ufer berühren.


Wo das Senkblei den Dienst versagt


Und wie die Breite, so wechselt auch die Tiefe. An einer Stelle Erdtrichter und Krater, wo die Leine des Senkbleis den Dienst versagt, und gleich daneben Pfuhle und Tümpel, wo auch das flachgehendste Boot durch den Sumpfgrund fährt. So diese Wasserstraße. An ihren Ufern hin, ähnlich wie im Spreewald, hielten sich, bis in unsere Tage hinein, die wendischen Elemente. Wer die Gegend kennt, nennt sie deshalb die »Wendei«. Sie hat wenig Dörfer, keine Städte; selbst der Eisenbahnzug geht nur wie eine Erscheinung durch sie hin. So ungefähr waren die Resultate, die mir Buch und Karte bei flüchtigemStudium an die Hand gaben.Am 6. abends war ich in Köpenick. Ich hatte die Wahl, ob ich von der Land- oder Wasserseite her an Bord gehen wollte, entschied mich aber für letzteres. Alle Dinge haben ihr Gesetz. Wer zu einer Parforcejagd geladen ist, muß in einem roten Frack kommen oder wegbleiben. Also zu Wasser. Ein Boot führte mich um die Schloßinsel herum bis an die Ankerbucht, in der die »Sphinx« still und friedlich unter einem Dach weit vorgestreckter Ulmenzweige lag. Ein leiser Rauch stieg anheimelnd aus ihrem Küchenschornstein auf. Nach kurzem Anruf faßte ich eines der zwischen Mast und Schiffswandung straff ausgespannten Taue und kletterte die Stufen, bloße angenagelte Brettstücke, hinauf. Ich fand die Reisegesellschaft bereits versammelt. Es waren: Kapitän Backhusen, Lieutenant Apitz, Supercargo Nettermann. Zu diesen drei Herren, die sich als Mitglieder des Seglerklubs bereits bei mancher Regatta bewährt hatten, gesellte sich, als einziger Nicht-Gentleman an Bord, das Faktotum Mudy. Er vereinigte in sich alle niedrigeren Schiffsgrade, vom Vollmatrosen bis zum Kajütenjungen, und führte jeden dieser Titel nicht nur als scherzhaften nom de guerre, sondern mit allervollster Berechtigung. Mit dem Stoßruder in der Hand hatte er sein halbes Leben auf Rüdersdorfer Kalk- und Linumer Torfkähnen zugebracht. Seine Dienste, wie immer die der Subalternen, waren unentbehrlich. Er war auch Koch…Appetit auf mehr?Das fünfbändige Werk Wanderungen durch die Mark Brandenburg ist das umfangreichste des deutschen Schriftstellers Theodor Fontane (* 30. Dezember 1819 in Neuruppin; † 20. September 1898 in Berlin). Er beschreibt darin Schlösser, Klöster, Orte und Landschaften der Mark Brandenburg, ihre Bewohner und ihre Geschichte. Zwischen 1862 und 1889 erschienen, ist das Werk Ausdruck eines gewachsenen preußischen Nationalbewusstseins und der Romantik.Erlesen ist das eine, Erleben das andere. Fontane macht Appetit, stillen kann den nur eine eigene Bootwanderung durch die Mark Brandenburg. 
Der Weg
Rast am Müggelsee
Hoher Zaungast
Begegnung
Jagdschloss Königs Wusterhausen
Fischerhütte
Zwischenstation
Vorfahrt achten
Willkommen im Storkower Kanal
Angler-Herberge
Hindernis
Achtung!
Storkow
Romantische Stille
Danksagung
Anleger
Bad Saarow
Wendisch Rietz
Wasserstraßennetz südliche Mark

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